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Geselliger Abschluss der Jahresgruppen 2015/2016 am 8. Februar

Am 8. Februar beschlossen die beiden Jahresgruppen das Akademische Jahr 2015/2016 in den Räumen von Literatur&Leben mit einer gemeinsam gestalteten Abschlussfeier. Im Mittelpunkt stand die Lesung von Texten, die die Teilnehmerinnen im Zusammenhang mit unserer Studienreise nach Potsdam und ins Havelland angefertigt hatten: Vielfältig und informativ, nachdenklich und humorvoll, poetisch und satirisch reflektieren sie die Begegnung mit Menschen, Bauwerken und Landschaften in diesem einmaligen Kulturraum – immer mit einer unverwechselbar persönlichen Note.

Nach der feierlichen Übergabe der Zertifikate an die Teilnehmerinnen erhielten die Dozentinnen ihrerseits ein Dankeschön: eine mit großer Sorgfalt gestaltete Broschüre, die die vorgetragenen Texte, selbst aufgenommene Fotos und eine Zusammenfassung der Jahresthemen 2016/2017 enthält. (Von hoher Qualität waren auch die mitgebrachten Berliner und andere Köstlichkeiten (es war schließlich Rosenmontag!), die uns die Zeit versüßten.)

Ein gemeinsames Essen im Hotel Schweizer Hof rundete den gelungenen Vormittag ab.

Wir bedanken uns nochmals herzlich bei unseren Teilnehmerinnen und freuen uns auf die gemeinsame Zeit im neuen Akademischen Jahr  2016/2017!

Hildegard Knef (1925-2002)

Keine Zeit für Stolz

Die Schauspielerin und Chansonlegende Hildegard Knef wäre am 28. Dezember 2015 90 Jahre alt geworden. 2002 starb der glamouröseste deutsche Weltstar nach Marlene Dietrich in Berlin. Mit ihrer Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ machte sie 1970 auch literarisch Furore

Sie war die Ikone einer Generation von Müttern und Töchtern, die aufmüpfig und intellektuell und doch Frau sein wollten – nicht so schräg und absturzgefährdet wie Nico, nicht so philosophisch abgehoben wie Juliette Gréco. Hildegard Knef, das war die Berliner, die bodenständig-deutsche Variante des französischen Existentialismus: blond statt tiefschwarz, in aufwendigen Rüschenroben statt schlichtem Rollkragen, verlässlich umweht vom geborgten Glamour ferner Hollywoodstars. Vom „intellektuellen Sex“ der Knef sprach denn auch stern-Herausgeber und Freund Henri Nannen; zur „woman and a half“ stilisierte sie Schauspielerkollege und Ex-Ehemann David Cameron. Die kluge Knef wusste um ihre Ausstrahlung. Sie inszenierte sich permanent rauchend, redete von Poesie, kultivierte ihre markante, untergründig erotische Stimme, gab sich mal kumpelhaft, mal undurchdringlich. Ihre durch überdimensionale künstliche Wimpern und viel schwarze Schminke offensiv betonten Augen waren Aufforderung und Warnung zugleich: Schaut mich an, aber den letzten Blick in meine Seele verwehre ich euch. Die Augen der Knef glommen wie das Brandmal eines Traumas, das sie, nach eigenem Bekunden, bis zu ihrem Lebensende mit sich herumtrug. Aus ihm bezog sie ein Leben lang ihre bezaubernde Melancholie.

Hildegard Frieda Albertine Knef war knapp zwanzig Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. In ihrer 1970 erschienenen, rasant erzählten Autobiografie Der geschenkte Gaul – ein Buch, von dem 750 000 Hardcover-Exemplare verkauft wurden und das seine Autorin mit einem Schlag national und international berühmt machte – nimmt der „Wahnwitz“ der Kriegs- und Nachkriegszeit (Knef) breiten Raum ein. Zentral: Die Ungeheuerlichkeit, tagelang neben einer toten Frau in einem völlig dunklen Loch eingesperrt zu sein. Dieses Erlebnis zeichnet sich auf dem Gesicht der jungen Schauspielerin ab und macht die Nähe des Leidens in Filmen wie Die Mörder sind unter uns (1947), Entscheidung vor Morgengrauen (1951; mit Oscar Werner), und Nachts auf den Straßen (1952; mit Hans Albers) spürbar. Und es generiert diesen fast sprichwörtlich gewordenen Überlebenswillen der Knef, ihre beneidenswerte Fähigkeit, sich gegen alle Fährnisse des Berufs und des Privatlebens trotzig zu behaupten. Dass der eine oder andere Biograf in der letzten Zeit die historische Richtigkeit einiger Schilderungen anzweifelt, ändert nichts an der Tatsache, dass Hildegard Knef eben nicht nur für ihre Erfolge, sondern gerade auch wegen ihres multiplen Scheiterns geliebt wurde – getreu dem Grundsatz: Wahr muss es nicht sein, aber stimmen muss es. In diesem Sinne nannte sie Von nun an ging’s bergab, einen ihrer 60er-Jahre-Hits, der sich aus Misserfolgen und Rückschlägen in ihrem Leben speist, nicht ohne Selbstironie einen „Lebenslauf wider den tierischen Ernst“.

Nicht genug zu feiern ist die künstlerisch vielfach begabte Hildegard Knef. Frühe Erfolge als Sängerin waren ihr bereits in den USA beschert, wohin sie 1947 mit hohen Erwartungen aufgebrochen war, aber als Schauspielerin in der „Hollywood-Diktatur“ (Knef) nicht den erhofften Erfolg erzielte. Erst das Musical Silk Stockings machte sie 1954 am Broadway berühmt. Zurück in Europa, drehte sie einige „falsche“ Filme (Knef), die ihr das Fußfassen zuhause nicht eben erleichterten. Zäh und energisch versuchte sie, sich gegen das Misstrauen zu behaupten, das ihr die Deutschen entgegenbrachten – wie schon vor ihr Marlene Dietrich und nach ihr Romy Schneider, die ebenfalls das Land verlassen hatten und als „Verräterinnen“ beschimpft wurden. Mit dem Erfolg ihrer Chansons, die in ganz eigener Weise die lässige Eleganz des Jazz und die schauspielerische Interpretation mit der Eingängigkeit des Schlagers verbinden, schien Hildegard Knef rehabilitiert. Sie begann zunächst mit literarischen Songs von Brecht, Tucholsky und Brel, sowie mit Jazz-Standards und stieg später auf eigene Texte um, die ihre Karriere als Autorin und Schriftstellerin begründeten. Als „größte Sängerin der Welt ohne Stimme“ (Ella Fitzgerald) setzte sie auch in ihren Chansons am eigenen Leben an (Für mich soll’s rote Rosen regnen). Sie stattete den Alltag mit Poesie und trockenem Humor aus (Ich brauch Tapetenwechsel) und besang die ambivalente Schönheit ihrer Heimatstadt (Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen). Die wenigen Sekunden der Nacktheit, mit denen sie als Sünderin (Willi Forst, 1951) die prüde Filmnation einst in Wallung versetzt hatte, wurden Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Außergewöhnlich experimentierfreudig und stets neugierig auf das Leben, blieb Hildegard Knef am Puls der Zeit. Sie äußerte sich, als es um 1968 Mode war, in Interviews über das Thema Kollektivschuld. Sie bewegte sich in Gesellschaft illustrer Namen, darunter Henry Miller und Willy Brandt, und knüpfte an neue Strömungen in der Pop-Musik an, indem sie in den frühen 70er Jahren ein damals weniger beachtetes Album mit den Les Humphries Singers aufnahm (Worum geht’s hier eigentlich). Immer aber blieb ein Rest an Inkompatibilität, mit dem sie sich Vereinnahmungsversuchen widersetzte.

1970 machte ihre Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ bei Kritik und Publikum Furore. Das Buch stürmte Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, wurde in 17 Sprachen übersetzt und als Weltbestseller zum international erfolgreichsten Buch eines deutschen Autors seit 1945. Anlässlich einer Lesereise in den USA schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1971 euphorisch: „Die Kritiken waren ausnahmslos begeistert, weil hier zum ersten mal jemand berichtet, wie es damals war … jemand, der weder Dichter noch gelehrter ist, also ohne jede Verfremdung und Distanz das eigene Leben in den Hitlerjahren und danach freimütig ausgebreitet hat. Dabei war es nicht der Show-Star, sondern die offenherzige Deutsche, die Eindruck in Amerika gemacht hat, ihr intensiver Ernst, die couragierte Offenheit, mit der sie auch Unpopuläres vorbringt, Risiken nicht ausweicht, eine Ehrlichkeit, die ihr Publikum so ergreift, dass die Leute von der Akademie der Fernsehkünstler, die ihr in New York ein Essen gaben, sich am Ende erhoben und ihr eine Ovation darbrachten.“ Für ihre Bemühungen um das Ansehen Deutschlands in der Welt 1975 erhielt Hildegard Knef das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. „Der geschenkte Gaul“ hat bis heute eine Auflage von 3 Mio. Bänden erreicht; 2009 wurde das Buch unter dem Titel „Hilde“ mit Heike Makatsch kongenial verfilmt.

Auf der Höhe des Ruhms – sie ist 47 Jahre alt und hat eine fünfjährige Tochter – erkrankt Hildegard Knef an Brustkrebs. Sie, die sich nie gescheut hatte, das Privateste mit der Öffentlichkeit zu teilen („Öffentlichkeit ist mein Beruf!“) konnte, begabt mit einem mächtigen Ego, auch dieses Schicksal annehmen. Freimütig bekannte sie, methadonsüchtig zu sein und rechnete in ihrem Buch Das Urteil schonungslos mit Ärzten ab. Ein solcher Wagemut muss wohl auch als Teil der Maßlosigkeit gesehen werden, aus dem die Aura echter Stars gemacht ist. Noch die alt und krank gewordene Diva versprühte den Glamour des Weltstars. In der wunderbaren Film-Dokumentation A Woman And a Half aus dem Jahr 2001 erlebt man eine stille Knef, die darauf beharrt, dass ihr Selbstbild nicht mit dem Fremdbild der Öffentlichkeit übereinstimmt. Gewohnt trotzig besteht sie darauf, weniger aggressiv und viel ängstlicher, vorsichtiger zu sein als bisher angenommen. Sie erzählt von der Einsamkeit des Alters, von ihrer Abscheu vor Misstrauen, das einem das Leben vergälle und darüber, dass man sich zwar auf das Glück vorbereiten, es aber nicht forcieren kann. Ob sie auf ihr Lebenswerk stolz sei, wird sie gefragt, während sie mit ihrem dritten Ehemann Paul von Schell im Wagen durch New York fährt. Ihr lakonischer Kommentar: „Nein. Wer Zeit hat stolz zu sein, ist eh ein elendes Häufchen Nichts.“

Die neuen Frauen

Revolution im Kaiserreich 1900 – 1914

Sexismus und Emanzipation, Frauenquote und Vereinbarkeit von Familie und Beruf – die Wurzeln der heutigen Diskussion liegen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Dieses Buch schildert die Geschichte der Emanzipation, die ein zentraler Teil der Freiheits- und Menschenrechte in Deutschland ist, und holt sie aus der Ecke der „Frauenfrage“. Barbara Beuys erzählt von der bunten, offenen, von technischem Fortschritt geprägten und – entgegen vielen Legenden – reformfähigen Gesellschaft des Kaiserreichs, wo die Frauenbewegung sich nach 1900 als Machtfaktor im öffentlichen Leben etabliert. Sie schildert das Leben der Pionierinnen, die erstmals berufstätig werden: in Büros und Postämtern, als Ärztinnen und Künstlerinnen. Wir erfahren, wie Frauenvereine selbstbewusst mit Vorträgen Sexualität und Scheidung aus der Tabuzone in die Öffentlichkeit bringen.

Das Buch handelt von einer Erfolgsgeschichte, die so noch nicht erzählt wurde. in einem breiten Panorama aus Lebensbildern – von Clara Zetkin bis Else Lasker-Schüler, von Helene Lange bis Karen Horney und Asta Nielsen  – zeigt Barbara Beuys, wie eng der Kampf um die Emanzipation und die Politik im Kaiserreich miteinander verwoben sind.- Ein spannendes Stück erzählter Geschichte.

Barbara Beuys: Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich 1900 – 1914, Carl Hanser Verlag, München 2014

 

Heinrich Böll (1917-1985)

„Es gibt nichts, was uns nichts angeht“

Von wegen Elfenbeinturm: Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll forderte kritische Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft von seiner Zunft. Zeit seines Lebens zeigte er sich von der moralischen Wirkung der Literatur überzeugt. Am 16. Juli 2015 jährte sich sein Todestag zum 30. Mal

Im aufgeheizten Klima der vom Terror erschütterten Bundesrepublik verunglimpfte man ihn als „Sympathisanten“ der RAF, weil er sich für Sachlichkeit und Mäßigung in der Berichterstattung einsetzte: Heinrich Bölls Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, 1972 im Spiegel erschienen, löste einen Skandal aus und führte zur polizeilichen Durchsuchung seiner Wohnung. Vor allem an der vermeintlich intimen Anrede Ulrike Meinhofs entzündete sich die öffentliche Wut; dabei war der Titel eine Zutat der Redaktion – gegen den Willen des Autors. Trotz aller Anfeindungen engagierte sich Heinrich Böll weiter direkt politisch. 1974 gewährte er dem aus der UdSSR ausgebürgerten Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn Asyl in seinem Haus und empfing den mit ihm eng befreundeten russischen Dissidenten und Weltbürger Lew Kopelew. 1983 war Böll prominenter Teilnehmer der Blockade des US-Militärlagers in Mutlangen und Redner auf der Bonner Friedensdemonstration. Bereits 1969 hatte er Willy Brandt im Bundestagswahlkampf unterstützt. Literatur und gesellschaftliche Verantwortung gehörten für Heinrich Böll untrennbar zusammen.

Heinrich Böll, Sohn eines Kunsttischlers und Bildhauers, wird am 21. Dezember 1917 in Köln geboren und wächst zusammen mit sieben Geschwistern in einem kleinbürgerlich und katholisch geprägten Milieu auf. Seine ausgeprägte Verbundenheit mit Familie, Religion und Region – die „Gebundenheit an Zeit und Zeitgenossenschaft“, wie es Böll später formulierte, sollte sein literarisches Werk entscheidend beeinflussen. Bereits mit 17 Jahren beginnt er, Gedichte zu schreiben. 1937 macht er in seiner Heimatstadt Abitur. Nach einer abgebrochenen Lehre als Buchhändler in Bonn und dem Einsatz im Reichsarbeitsdienst schreibt er sich an der Universität Köln in den Fächern Germanistik und Altphilologie ein, wird jedoch kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen. Als Soldat an der West- und Ostfront eingesetzt, gerät er bei Kriegsende in Gefangenschaft. Im September 1945 kann er zu seiner Frau Annemarie Cech, einer Lehrerin, nach Köln zurückkehren und sein Studium wieder aufnehmen. Bis 1950 werden drei Söhne geboren.

In den Nachkriegsjahren trägt Böll zunächst mit Gelegenheitsarbeiten zum Unterhalt der Familie bei; doch das Schreiben wird immer bedeutsamer für ihn. 1947 debütiert er mit Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften; 1949 erscheint sein erstes Buch, die Erzählung „Der Zug war pünktlich“. Ein Sammelband mit Kurzgeschichten folgt 1950 unter dem Titel „Wanderer kommst du nach Spa…“ Seit 1951 arbeitet Heinrich Böll als freier Schriftsteller. Es ist das Jahr, in dem er für seine Satire „Die schwarzen Schafe“ den Preis der Gruppe 47 erhält und in dem sein ergreifender Antikriegsroman „Wo warst Du, Adam?“ erscheint. Auch der 1953 veröffentlichte Roman „Und sagte kein einziges Wort“ – die Ehegeschichte eines Kriegsheimkehrers – steht im Bannkreis traumatischer Erfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Im Taumel des Wiederaufbaus und der Wirtschaftswunderzeit, die vor allem das Vergessen propagiert, mahnt Heinrich Böll: „Der Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat.“

In den fünfziger Jahren wird Böll zu einem bedeutenden Vertreter der westdeutschen Nachkriegsliteratur, die an die Tradition nonkonformistischer und sozialkritischer Werke in der Weimarer Republik anknüpft. Er schreibt Gedichte, Romane und Erzählungen, wie „Haus ohne Hüter“ und „Das Brot der frühen Jahre“ (1962 verfilmt); er reist nach Irland und in die UdSSR und verfasst Reiseberichte wie das heute noch beliebte und 2007 wieder neu aufgelegte „Irische Tagebuch“. Zusammen mit seiner Frau Annemarie arbeitet Böll auch als Übersetzer englischer, irischer, amerikanischer und australischer Literatur. Zahlreiche Auszeichnungen begleiten seine Karriere, darunter 1967 die bedeutendste deutsche Ehrung für Autoren, der Georg-Büchner-Preis. 1972 erhält er den Nobelpreis für Literatur – als erster deutscher Autor nach 43 Jahren.

In den Jahren 1970 bis 1974 setzt sich Heinrich Böll als Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und des Internationalen P.E.N.-Clubs für die sozialen Belange von Autoren sowie für verfolgte Schriftsteller in aller Welt ein. Sein besonderes Interesse gilt der Aussöhnung zwischen Deutschland und den osteuropäischen Ländern, während er sich in Deutschland selbst – mittlerweile zu einer hochangesehenen moralischen Institution geworden – vehement gegen Repression und Aufrüstung einsetzt.

Nach den vielgelesenen Romanen „Billard um halbzehn“ (1959), „Ansichten eines Clowns“ (1963) und „Gruppenbild mit Dame“ (1971; 1977 mit Romy Schneider verfilmt) erschien 1974 sein erfolgreichstes Werk, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – eine Erzählung über die menschenverachtenden Auswirkungen des Sensationsjournalismus. 1975 erscheint die satirische Kurzgeschichte „Berichte zur Gesinnungslage der Nation“.
Da Bölls Werke fast immer in Bezug stehen zu den gesellschaftlichen Herausforderungen seiner Zeit, nannte sie Wolfram Schütte einen „fortlaufenden Kommentar zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands“. Wie kein zweiter begleitete Böll Generationen von Lesern auf ihrem Weg durch Krieg, Restauration, Reformära und die Zeit der konservativen Wende in den 80er Jahren. Diese literarisch gestaltete und zutiefst moralisch engagierte Zeitzeugenschaft ist der Kern seiner Arbeit. Oft wurde ihm von der Kritik vorgeworfen, seine Erzählmuster seien konventionell, seine Technik manchmal unbeholfen. Doch Literatur, so forderte Böll, müsse auch einem breiten Publikum zugänglich und verständlich sein; Ästhetizismus und Avantgardismus waren seine Sache nicht. So trug er mit seinen Werken, die in viele Sprachen übersetzt wurden, entscheidend dazu bei, dass das im Ausland lange fortlebende Bild des „hässlichen Deutschen“ revidiert wurde.

1983 wurde er zum Professor ernannt und erhielt die Ehrenbürgerwürde der Stadt Köln. Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 nach langer Krankheit in Langenbroich. Sicherlich hätte er, der in den 70er Jahren Rupert Neudecks Initiative zur Rettung der vietnamesischen boat people unterstützte, heuer vehement an unsere Verantwortung für die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer appelliert. Denn: „Es gibt nichts, was uns nichts angeht“.

Reise ins Havelland – Nachlese

Schreiben auf Reisen – 28.-30.08.2015

Innerhalb des aktuellen Jahresprogramms „Literatur und Reisen“ erkundeten die beiden Jahresgruppen Ende August Potsdam und das umliegende Havelland auf den Spuren Theodor Fontanes. Die Teilnehmerinnen zeigten sich begeistert von der einmaligen Natur- und Kulturlandschaft, in der man der älteren und jüngeren Geschichte Deutschlands auf Schritt und Tritt begegnet. Programmpunkte waren u.a.: Führung durch das Fontane-Archiv-Potsdam, Führung durch die Pfaueninsel, Führung durch die Villenkolonie Babelsberg. Die kommenden Seminartermine im 2. Trimester nutzen die Teilnehmerinnen dazu, die 3tägige Reise auf der Grundlage ihrer Notizen, Souvenirs, Fotos etc. unter dem Motto „Schreiben auf Reisen“ zu „gestalteter Erfahrung“ zu verwandeln. Wir freuen uns schon sehr auf die Präsentation der Ergebnisse!

Fotos: Beatrice Bürrig,  Ursula Metzenheim

Nachlese: Literatur und Boxen

Am 21. September 2015 stellten zwei vielversprechende junge Autorinnen im Literaturhaus Hannover ihre neuen Bücher in Lesung und Gespräch vor. Veranstalter waren die Akademie Literatur & Leben in Zusammenarbeit mit dem Literaturbüro der Landeshauptstadt Hannover und der Gedenkstätte Ahlem der Region Hannover. Das gemeinsame Thema lautete:

Literatur und Boxen –
Johann Rukelie Trollmann und Max Schmeling

In ihrem flirrenden Gesellschaftspanorama „Deutscher Meister“ erzählt Stephanie Bart von dem charismatischen Boxer Johann Rukelie Trollmann aus Hannover, dem die Nazis im Sommer 1933 den deutschen Meistertitel aberkennen, weil er ein Sinto ist. Vom Siegen und Verlieren, vom Zu-Boden-Gehen und Weitermachen, von Leben und Tod handelt auch Saskia Hennig von Langes Roman „Zurück zum Feuer“. Hier geraten die Protagonisten in die Aura Max Schmelings und nehmen den Kampf auf gegen das Verschwinden außerhalb des Boxrings.

Sabine Göttel und Christina Rohwetter von der Akademie Literatur und Leben moderierten das Gespräch über Lebensgeschichten im Bannkreis historischer und poetischer Wahrheit, an dem sich auch das Publikum rege beteiligte.

Elke Oberheide vom Kulturbüro Hannover begrüßte unter den ca. 80 Zuhörerinnen und Zuhörern als Ehrengäste Rita Trollmann, die Tochter Johann Trollmanns, sowie weitere Mitglieder der Familie des Boxers.

Stephanie Bart, geboren 1965, studierte Ethnologie und Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Als Autorin debütierte sie mit dem Roman „Goodbye Bismarck“. Für „Deutscher Meister“ erhielt sie ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds sowie den Rheingau Literatur Preis.

Saskia Hennig von Lange, geboren 1976, studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Gießen. Ihr Debüt „Alles, was draußen ist“ erhielt den Wortspiele Literaturpreis und den Rauriser Literaturpreis. Ihr Roman „Zurück zum Feuer“ wurde mit dem Clemens-Brentano-Förderpreis ausgezeichnet. Saskia Hennig von Lange nahm am diesjährigen Wettbewerb um den Ingeborg Bachmann-Preis teil.

 

Nachlese

Gastvortrag über Bertha von Suttner

Bis auf den letzten Platz besetzt war der Vortragsraum der Akademie Literatur und Leben am 27. Februar: Die Hamburger Autorin und Dozentin Martina Bölck hielt einen höchst lebendigen und informativen Bildvortrag über Leben und Werk der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914), die als „Kämpferin für den Frieden“ Geschichte machte. Doch auch als Schriftstellerin bleibt die Mitbegründerin der internationalen Friedensbewegung nach diesem Vortrag im Gedächtnis. Frau Bölck empfiehlt neben dem epochemachenden Werk „Die Waffen nieder!“ vor allem den futuristischen Roman „Das Maschinenzeitalter“. Von Suttner veröffentlichte ihn 1889 anonym, da ihr die „Vorurteile gegen die Denkfähigkeit der Frauen“ noch zu groß erschienen!

Das Maschinenzeitalter
Reprint im Zwiebelzwerg Verlag, 1983

 

Foto: Ursula Metzenheim

Literarischer Stadtspaziergang

Der Geist des Ortes

Am 10. November begaben wir uns mit den Teilnehmerinnen unserer Jahresgruppen auf einen literarischen Stadtspaziergang durch die hannoversche Oststadt. Unter der fachkundigen Leitung von
Ingo Kuhlmann besuchten wir ausgewählte Orte mit dem besonderen „genius loci“: An sechs Stationen in Roscherstraße, Schiffgraben, Hohenzollernstraße, Bödekerstraße, Gretchenstraße und Lister Meile machte uns unser literarischer Reiseführer mit Daten, Fakten und Anekdoten über berühmte und weniger bekannte Persönlichkeiten aus Literatur und Geistesleben bekannt, die dort einen Teil ihres Lebens verbracht hatten – darunter Frank Wedekind, Gottfried Benn, Ernst Jünger und Theodor Lessing. Erstaunlich, welch hohe Dichte an Geistesgrößen ein einziger Stadtteil Hannovers doch aufzuweisen hat!

Lesetipp:

Peter Struck: Literarisches Hannover. 50 Dichter, Schriftsteller und Publizisten. Wohnorte, Wirken und Werke, Verlag Jena 1800

Ein guter Leser werden

Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens

„Liebevoll und mit zärtlicher Berücksichtigung der Einzelheiten“
erläutert der Autor von Lolita in diesem Band Meisterwerke der
europäischen Literatur.

Das Buch, 1980 posthum herausgegeben, versammelt Vorlesungen über Werke von Jane Austen, Charles Dickens, Gustave Flaubert, Robert Louis Stevenson, Marcel Proust, Franz Kafka und James
Joyce, die Nabokov im Jahr 1948 an der Cornell University in New York gehalten hat.  Sie sind witzig, geistreich und überaus kunstkundig. Sie eröffnen dem Leser neue und überraschende Zugänge zu Werken wie Die Verwandlung, Ulysses oder zu der in jeder Hinsicht fantastischen Erzählung  Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Stevenson, die heutzutage kaum noch jemand kennt.
Das allein sind schon Gründe genug, dieses Buch zu lesen.

Doch noch ein anderer, mindestens genauso wertvoller Gewinn
ergibt sich aus der Lektüre: Nabokov zeigt uns, wie man ein guter und glücklicher Leser wird.  Er führt uns vor, in welcher Haltung wir uns einem Meisterwerk  nähern sollten, damit wir verstehen, wie es funktioniert:

„Wir sollten immer daran denken, dass mit jedem Kunstwerk, ausnahmslos, eine neue Welt erschaffen wird und diese stets als
erstes so gründlich wie möglich erforschen, uns ihr als etwas völlig Neuem nähern, als einer Sache, die keine offensichtliche Verbindung mit den uns bereits bekannten Welten hat.“

Unvoreingenommenes Interesse gepaart mit einem liebevollen Blick auf die Einzelheiten: Der gute Leser versetzt sich in die Rolle eines Detektivs, der „das Geheimnis literarischer Strukturen entschleiern will“.  Nur  so erfahren wir den Zauber der Kunst –  eine prickelnde Mischung aus Erregung und Distanz, die allein eine echte Erweiterung unseres Horizontes  – in intellektueller und moralischer Hinsicht- ermöglicht.

Der gute Leser identifiziert sich also gerade nicht mit dem Helden oder der Heldin eines Romans, er geht vielmehr in eine zärtliche Distanz. Genausowenig erwartet er von Dickens‘ Bleakhouse einen Bericht über das London von  vor hundertundfünfzig Jahren, denn dem guten Leser ist bewusst, dass der Dichter dieses London als Rohstoff für seine poetische Imagination benutzt hat.  Kurz: Der gute Leser, wie Nabokov sich ihn wünscht, ist jemand, der dem Autor in gewisser Weise gleicht,

„jemand, der über Vorstellungskraft, ein Gedächtnis, ein Wörterbuch und eine gewisse künstlerische Einfühlungsgabe verfügt“.

Wenn wir bereit dazu sind, kann uns Die Kunst des Lesens von Nabokov dazu inspirieren, diese Lesertugenden zu entwickeln.

Vladimir Nabokov
Die Kunst des Lesens
Meisterwerke der europäischen Literatur
Herausgegeben von Fredson Bowers
Fischer Taschenbuch
ISBN-10: 3596902800
ISBN-13: 978-3596902804

 

 

Kunst & Literatur zu Gast bei Literatur & Leben

Am 11. Oktober 2014 kam es in den Räumen der Akademie zu einer spannenden Begegnung zwischen Kunst & Literatur: Die bekannte Autorin Susanne Mischke las exklusiv für Teilnehmende und Freunde der Akademie aus ihrem brandneuen Hannover-Krimi „Einen Tod musst du sterben“. Gleichzeitig feierten wir die Finissage unserer Ausstellung mit Bildern der hannoverschen Künstlerin Ulrike Grest. Hierzu hatten sich 30 Gäste in der Roscherstraße 12 eingefunden.

Eignet sich Hannover besonders gut als Schauplatz des Verbrechens im Kriminalroman? Warum haben Querformate bessere Vermarktungschancen? Im Anschluss an die Lesung stellten sich die gutgelaunten Künstlerinnen im Gespräch mit den Akademie-Leiterinnen Christina Rohwetter und Sabine Göttel Fragen zu Wort- und Bildkunst.

Mehr über Susanne Mischke und Ulrike Grest unter

www.susannemischke.de

www.kuenstler.haz.de/kuenstler/ulrike-grest.html