Jahresthemen 2022/2023: Literatur & Musik; Literatur & Freundschaft

Raum und Zeit, um den Dingen auf den Grund
zu gehen

In unseren Jahresgruppen, bestehend aus drei einzeln buchbaren Trimestern,  profitieren Sie von einem außergewöhnlichen Seminarkonzept, das Ihnen neue Zugänge zur Literatur und Kulturgeschichte vermittelt und dabei auf kreative Weise zu Selbstreflexion und geistigem Austausch inspiriert.

Das können Sie erwarten:

  • Verknüpfung von kultureller Bildung und kreativ-künstlerischer Praxis
  • lebendiges und selbstbestimmtes Lernen mit regem Erfahrungsaustausch in einer geschlossenen Gruppe mit maximal 15 Teilnehmern
  • Vermittlung eines vielseitigen Wissensspektrums durch ein hochqualifiziertes und engagiertes Dozentinnen-Team mit vielfältigen Erfahrungen in eigener wissenschaftlicher, künstlerischer und kreativer Praxis
  • gemeinsame Exkursionen zu interessanten Orten, Ausstellungen, Museen im Zusammenhang mit den jeweiligen Jahresthemen
  • Erprobung und Weiterentwicklung der eigenen Kreativität durch kreatives Schreiben, gemeinsame Buchprojekte, Lesungen, Referate und anderes mehr
  • Wöchentliches Vormittagsprogramm in 3 Trimestern (montags), das die beiden unten stehenden Jahresthemen umfasst
  • 3 mal 9 Seminarvormittage mit insgesamt 108 Unterrichts-
    stunden

Jahresthemen 2022/2023

Jahresthema 1 (Christina Rohwetter)
„Weil zwei Singulare kein Plural sind“.
Literatur und Freundschaft

Freundschaft – was ist das eigentlich? Was sind wir, wenn wir Freunde sind? Was heißt es für jeden von uns, Freund oder Freundin zu sein? Und, in Anlehnung an  Max Frischs berühmten Fragebogen gefragt, sind wir uns selber ein Freund?

Das Phänomen Freundschaft ist mindestens so vielgestaltig und geheimnisvoll wie die Liebe. Die Beziehung zu einem bestimmten Freund oder zu einer Freundin erleben wir als einzigartig und verschieden von anderen Freundschaften. Dennoch versehen wir die unterschiedlichen Beziehungen mit dem Begriff Freundschaft. Scheinbar gibt es zwischen all diesen heterogenen Beziehungsformen etwas Verbindendes, das wir als Freundschaft auffassen und das, anders als die romantische Liebe, offenbar keine Exklusivität beansprucht.

Im Zentrum unseres Seminarprogramms steht die gemeinsame Erforschung des Phänomens Freundschaft anhand von drei deutschsprachigen literarischen Werken:

Daniel Schreiber, Allein. Essay 2021
Erich Maria Remarque; Drei Kameraden, Roman 1936
Shida Bazyar, Drei Kameradinnen, Roman 2021

Wir werden dabei verschiedenen Konzepten, Motiven, Funktionen, Erzähl- und Inszenierungsweisen von Freundschaft, Kameradschaft und auch Feindschaft begegnen, die wir in ihrem jeweiligen historischen und gesellschaftspolitischen Kontext zu verstehen versuchen. Dazu gehört auch das kritische Hinterfragen stereotyper Modelle von Frauen- und Männerfreundschaften. Eingeführt und flankiert wird die Lektüre der drei Werke von einer Übersicht über zentrale philosophische und soziologische Freundschaftsverständnisse, u. a. bei Aristoteles, Montaigne, Herder, Simmel, Derrida, Arendt.

1. Trimester:
„Weil er er war, weil ich ich war.“
Freundschaftskonzepte im Wandel der Zeiten

Wir starten mit einem historischen Überblick in umgekehrter Chronologie, mit einem Text aus unserer unmittelbaren Gegenwart: mit Daniel Schreibers Essay Allein (2021). Im Rückgriff auf eigene Erfahrungen, philosophische, soziologische und psychoanalytische Ideen ergründet der Autor sensibel und klarsichtig die Freuden und Leiden des Alleinseins. Es mag auf den ersten Blick verwundern, das Thema Freundschaft aus dieser Perspektive zu eröffnen. Auf den zweiten Blick jedoch leuchtet es ein, dass Freundschaften gerade im Leben von „Allein-Stehenden“ eine existentielle Bedeutung haben. Und immerhin teilen in Deutschland 17,5 Millionen diese Lebensform mit dem Autor. Mit Daniel Schreiber steigen wir nicht nur thematisch ein, sondern lernen auch eine moderne Version der literarischen Gattung des Essays kennen, deren Begründer der humanistische Schriftsteller Michel de Montaigne im ausgehenden 16. Jahrhundert war. Er hat einen berühmten Essay „Über die Freundschaft“ verfasst, von dem ausgehend wir uns einen Überblick über Konzepte der Freundschaft von der Antike bis in die Romantik verschaffen werden.

Texte im 1. Trimester:
Daniel Schreiber. Allein. Hanser Berlin 2021
Michel de Montaigne, Die Essais, übs. v. Arthur Frantz, Anaconda-Verlag, 2005/2021

 

2. Trimester:
„Licht leuchtet nicht im Licht; es leuchtet im Dunkel.“
Freundschaft und Liebe in finsteren Zeiten:
Erich Maria Remarques Roman Drei Kameraden (1936)

Welche Bedeutung haben Freundschaften in persönlichen und kollektiven Krisenzeiten? Welche Verpflichtungen gehen mit ihnen einher? Was unterscheidet in dieser und anderer Hinsicht Freundschaft von Kameradschaft und „Brüderlichkeit“? Und sind diese Arten von Beziehungen letztlich Formen der Liebe? Remarques Antikriegs-Roman Drei Kameraden spielt im Berlin der späten 1920er Jahre. Der erste Weltkrieg ist vorbei, und drei junge Kriegskameraden versuchen eine neue Existenz aufzubauen. Doch das Trauma des Krieges erschwert die Rückkehr in das zivile Leben…

Texte im 2. Trimester:
Erich Maria Remarque, Drei Kameraden, KiWi/TB (2014), ISBN-13: 978-3-462-04631-1
Hannah Arendt, Matthias Bormuth (Hg), Freundschaft in finsteren Zeiten. Die Lessing-Rede (1958) mit Erinnerungen von Richard Bernstein, Mary McCarthy, Alfred Kazin und Jerome Kohn. Matthes & Seitz 2018

 

3. Trimester
„Mit der Macht unserer Freundschaft“
Freundinnen als Verbündete: Shida Bazyars Roman Drei Kameradinnen (2021)

In Anlehnung an Remarque schildert Shida Bazyars zweiter Roman die deutsche Lebensrealität von Kasih, Saya und Hani. Alltägliche Diskriminierung und Ausgrenzung sind gemeinsame Erfahrungen seit ihren Kindheitstagen. In einer Gesellschaft, die keine Andersartigkeit zu dulden scheint, gibt ihre Freundschaft den drei Frauen Halt. Bis ein dramatisches Ereignis alles in Frage stellt…

So spannend wie der Verweis auf Remarques Drei Kameraden sind Erzählweise und -struktur des Romans von Shida Bazyar. Die Erzählfigur ist eine der drei Kameradinnen, die uns als Leserin direkt anspricht, brüskiert und provoziert. Wir werden beschreiben und analysieren, welche unterschiedlichen Wirkungen dieses Erzählverfahren auslöst.

Die Lektüre des Romans wird uns auch zu einer Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen identitätspolitischen Diskursen und Debatten veranlassen sowie mit der historischen Bewertung und Entwicklung von Frauenfreundschaften. Freundschaft war lange Zeit ein rein männliches Konzept. Das hat sich inzwischen geändert. Diesen Prozess wollen wir nachvollziehen.

Texte im 3. Trimester:
Shida Bazyar, Drei Kameradinnen, Roman 2021


Jahresthema 2 (Dr. Sabine Göttel)
„… wie der Bogen einer Geige“.
Literatur und Musik

Am Anfang war das Wort – oder doch die Musik? „Womöglich ist in der Geschichte unserer Menschwerdung das Singen älter als das Sprechen. Musik als das prähistorische, das vorlogische Dasein des unentfalteten Gedankens. Vielleicht war unser erstes Reden ein Singen, ein Knurren, ein Heulen, ein Wimmern, ein Jauchzen“, mutmaßt der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann in seinen Düsseldorfer Vorlesungen, einer Poetik in acht Gängen. Tatsache ist, dass Literatur und Musik im Prozess der Zivilisation eng verbunden waren und es bis heute sind. Im antiken Griechenland trug man Dichtung vor, indem man sich selbst mit einer Lyra – einem Saiteninstrument zum Zupfen – begleitete. Sie wurde später zum Symbol der Dichter und stand Pate für die Gattung Lyrik. Gerade lyrische Dichtung setzt auch ohne Begleitung durch ein Instrument auf die der Sprache innewohnende Melodie: auf Vers, Reim und Rhythmus: „Ein gelungenes Gedicht singt sozusagen selber und braucht keine Musik“, so Wolf Biermann.

Wir nähern uns dem kreativen Dialog zwischen Literatur und Musik, Text und Ton, indem wir im ersten Trimester zwei berühmte Komponisten in zeitgenössischen Romanbiografien kennenlernen. Robert Seethaler imaginiert in seiner 2020 erschienenen Erzählung Der letzte Satz die letzten Lebensmonate Gustav Mahlers (1860-1911), während der britische Autor Julian Barnes in seinem Roman Der Lärm der Zeit aus dem Jahr 2016 dem Verhältnis von Kunst und Macht im Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) nachspürt: „Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers“, schrieb der französische Autor Marie-Henri Beyle, alias Stendhal.

Im zweiten Trimester geht es um die wechselseitige Inspiration von Literatur und Musik in Liedern und Chansons, Songs und Schlagern. Das deutsche Kunstlied des 19. Jahrhunderts etwa führte bekannte AutorInnen und KomponistInnen in anspruchsvollen Vertonungen von Texten und Gedichten zusammen – Franz Schubert und Wilhelm Müller in den Liederzyklen Die schöne Müllerin (1823) und Winterreise (1827) oder Fanny Mendelssohn und Heinrich Heine. Das literarische Kabarett der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts bereicherten Autoren-Komponisten-Duos wie Kurt Tucholsky und Hanns Eisler. Elf Jahre Auftrittsverbot lagen hinter dem Dichter und Sänger Wolf Biermann, bevor er 1976 wegen seiner poetisch-kritischen Lieder aus der DDR ausgebürgert wurde; der Literaturnobelpreis 2016 ging an den amerikanischen Rock-Sänger und Poeten Bob Dylan. Angeregt durch Friedrich Carl Delius‘ autobiografische Novelle Die Zukunft der Schönheit (2019) erstellen die Teilnehmerinnen eigene Texte über Lieder, Chansons und Songs, die ihr Leben geprägt haben.

Das dritte Trimester widmen wir einem epochalen Versuch, Musik mit Sprache wiederzugeben: Thomas Manns Künstler- bzw. Gesellschaftsroman Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde (1947). Dieser vielschichtige Text – Lebensbeichte, Parodie und kunsttheoretischer Essay zugleich – setzt sich zugleich mit den kulturhistorischen und geistesgeschichtlichen Wurzeln des Faschismus auseinander.

Exkursion
Am 19. oder 20.05.2022 besuchen wir gemeinsam ein Konzert der NDR Radiophilharmonie im Großen Sendesaal des NDR Funkhauses in Hannover. Das Programm:
Dmitrij Schostakowitsch: Violoncellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 4 G-Dur
Dirigent: Marc Albrecht
Eine höchst spannende Gegenüberstellung! Mahler und Schostakowitsch sind wahrlich Komponistenbrüder im Geiste. Ihre bevorzugten stilistischen Mittel sind Humor, Ironie und Groteske.


TERMINE 2022/2023
Kurszeiten:  montags,  jeweils 9.30 – 13.00 Uhr
Ort: Akademie LITERATUR&LEBEN,
Königsworther Str. 23a, 30167 Hannover

1. Trimester
(9 Termine)

25.04.22
02.05.22
09.05.22
16.05.22
23.05.22
30.05.22
13.06.22
20.06.22
27.06.22

2. Trimester
(8 Termine)

08.08.22
15.08.22
22.08.22
29.08.22
05.09.22
12.09.22
19.09.22
26.09.22

3. Trimester
(10 Termine)

07.11.22
14.11.22
21.11.22
28.11.22
05.12.22
12.12.22
19.12.22
09.01.23
16.01.23
23.01.23

Teilnahmebedingungen Jahresprogramm

Mit Ihrer Anmeldung melden Sie sich verbindlich zum gewählten Trimester bzw. zum gesamten Jahresprogramm 2022/2023 an.

Sie erhalten von uns eine Anmeldebestätigung mit den Seminarterminen und die Rechnung über die Teilnahmegebühr.

Die Teilnahmegebühr ist spätestens bis zum 01.04.2022 auf das im Anmeldeformular genannte Konto zu überweisen.

Um das finanzielle Risiko zwischen unseren Teilnehmern und uns in fairer Weise zu regeln, gelten folgende Rücktritts-/ Stornobedingungen:

Eine Stornierung der Anmeldung muss schriftlich erfolgen. Kostenfreier Rücktritt von Ihrer Anmeldung ist bis 10 Tage vor Veranstaltungsbeginn möglich. Bereits überwiesene Teilnahmegebühren werden Ihnen umgehend zurückerstattet. Bei späterem Rücktritt oder bei Ausstieg aus dem laufenden Programm betragen die Stornierungskosten 100% des Jahres- bzw. Trimesterbeitrages.

Jede Person nimmt in eigener Verantwortung an der Jahresgruppe teil, das heißt sie ist für ihre körperliche, seelische und geistige Gesundheit sowohl während der Seminare als auch während der Zeit zwischen den Seminaren selbst verantwortlich. Eine Haftung seitens der Akademie Literatur & Leben für Schäden an Körper, Geist und Seele der Teilnehmer ist ausgeschlossen.

Für Unfälle auf dem Weg zum Seminar und im Seminargebäude wird nicht gehaftet.