Lily Braun (1865-1916)

„Aus der Sklaverei zur Freiheit“

Sie kämpfte für das Recht der Frauen auf Arbeit und propagierte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Lily Braun. Am 9. August 1916 starb die Schriftstellerin, Sozialdemokratin und bedeutende Vordenkerin der Frauenbewegung in Kleinmachnow bei Berlin.

Eine Kindheit wie im Märchen? Amalie „Lily“ Braun wird am 2. Juli 1865 als älteste Tochter des preußischen Generals Hans von Kretschmann in Halberstadt geboren. Die Familie verkehrt in höfischen Kreisen; Prinzen und Prinzessinnen sind Lilys Spielkameraden. Später ist die hübsche junge Frau umschwärmter Mittelpunkt auf Bällen und anderen Vergnügungen der adeligen Gesellschaft. Französische Verwandte besitzen im Elsaß eine imposante Ritterburg. Dort genießt Lily in den Ferien das luxuriöse Leben der preußischen High Society. Ihre Großmutter mütterlicherseits, Baronin Jenny von Gustedt (1811-1890), ist die uneheliche Tochter von Jérôme Bonaparte, einem Bruder Napoléons; jeden Donnerstag empfängt sie in ihrem Berliner Salon die Kaiserin zum Tee. Mit der geistig beweglichen alten Dame versteht sich die quirlige und nicht selten aufmüpfige Lily besonders gut. 1908 widmet ihr die mittlerweile zur Schriftstellerin avancierte Enkelin das sentimental-kitschige Erinnerungsbuch „Im Schatten der Titanen“.

Jenny von Gustedt ist es auch, die ihre Enkelin immer wieder dazu ermutigt, ihren unkonventionellen Weg weiter zu verfolgen. Über ihre Kindheit schreibt Lily Braun: „Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen, schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen, deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand entgegensetzte.“ Damit steht Lily im Konflikt mit den Prinzipien der adeligen und bürgerlichen Mädchenerziehung ihrer Zeit, die sich um Pflichtbewusstsein, Gottesfurcht, Disziplin und Gehorsam dreht. Von Privatlehrern vermittelt, hat eine solide Bildung lediglich den Zweck, den ‚Verkaufswert‘ einer junger Mädchen zu erhöhen und ihnen zu einer standesgemäßen Ehe zu verhelfen. Doch das ist nicht das Schicksal, das Lily von Kretschmann für sich selbst vorgesehen hat. Sie beginnt, sich mit Eltern und Pastoren über Sinn und Zweck kirchlicher Lehrsätze zu streiten und prangert das ungeschriebene Gesetz an, nach dem es für eine ‚höhere Tochter‘ unschicklich sei, einen Beruf zu ergreifen. Zum Nichtstun verurteilt, erkennt sie hellsichtig: „Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt.“

Als ihr Vater 1889 seine Stellung am kaiserlichen Hof verliert, muss Lily plötzlich für sich selbst sorgen. Sie verlässt ihr erzkonservatives Elternhaus und heiratet 1893 den Philosophieprofessor Georg von Gizycki, der den Sozialdemokraten nahesteht. Durch ihn wird Lily mit der sozialen Frage und dem Elend der Industriearbeiter konfrontiert. Auch mit den Themen der Frauenbewegung setzt sie sich mehr und mehr auseinander. Sie wird Autorin der Zeitschrift  „Frauenbewegung“ und Mitglied im Vorstand des Vereins „Frauenwohl“. Lily Braun vertritt die Überzeugung, dass das Recht auf Arbeit entscheidend zur Emanzipation der Frau beiträgt. „Allein die Entwicklung der Frauenarbeit kann die Frauen aus der Sklaverei zur Freiheit emporführen“, schreibt sie. Dies gilt auch für den privaten Bereich: „Die ökonomische Selbständigkeit des Weibes ist die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung der Geschlechter, sie hilft so manche andere Klippe der Ehe umschiffen.“

Georg von Gizycki stirbt im März 1895. Lilys zweiter Mann ist der sozialdemokratische Publizist, Politiker und Reichstagsabgeordnete Heinrich Braun. Sie heiratet ihn 1896 und bekommt im Juni 1897 von ihm den Sohn Otto. Lily Brauns Eintreten für sozialdemokratische Ideale – für ihre erzkonservative Familie ein Übertritt ins Lager der Feinde! 1901 erscheint ihr Buch „Die Frauenfrage“. Es greift Themen auf, wie sie auch heute noch heiß diskutiert werden: Recht der Frau auf Arbeit, Doppelbelastung durch Mutterschaft und Erwerbstätigkeit, Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesmaß, neue Formen des Zusammenlebens (Zentralküchen im sogenannten „Einküchenhaus“; Kinderkrippen), politisches und gewerkschaftliches Engagement von Frauen, Minderqualifikation von Frauen und Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, unzulängliche Ausgestaltung der Versicherung für Wöchnerinnen sowie Unzulänglichkeit des Sozialversicherungswesens, das ganze Bereiche der Frauenarbeit wie häuslicher Dienst, Heimarbeit und Landarbeit ausschloss. Das Buch fand ein geteiltes Echo. Man warf Lily Braun fälschlicherweise vor, sie propagiere die Auflösung der Familie. Tatsächlich versuchte sie, zwischen den gemäßigten Forderungen der bürgerlichen und den radikalen Ansichten der sozialistischen Frauenbewegung zu vermitteln – und wurde dafür von beiden Seiten scharf kritisiert. Den einen zu radikal, den anderen zu gemäßigt, warf man ihr aufgrund ihrer adeligen Abstammung mangelnde Glaubwürdigkeit vor. Zwischen Lily Braun und der exponiertesten Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung, Clara Zetkin (1857-1933), kam es zu einem zermürbenden persönlichen und politischen Machtkampf.

Lily Braun nimmt weiter an Parteitagen und Frauenkonferenzen teil und unterstützt die SPD in Wahlkämpfen, doch das Schreiben wird immer bedeutsamer in ihrem Leben – und macht sie finanziell unabhängig. Mit ihrem Buch „Memoiren einer Sozialistin“, einer Mischung aus Liebesgeschichten und politischen Bekenntnissen, schreibt sie in den Jahren 1909 bis 1911 einen Bestseller, der noch heute fasziniert. Darin heißt es: „Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; Freiheit der Überzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Völker; Kunst, Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle; freie Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste, der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens: wie konnte irgend jemand, der auch nur über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!“ Lily Braun unterstützte die Kriegspolitik des Kaiserreichs vorbehaltlos. Am 9. August 1916 starb sie in Kleinmachnow infolge eines Schlaganfalles im Alter von 51 Jahren. Ihr einziger Sohn, der talentierte Lyriker Otto Braun, hatte sich bei Kriegsbeginn freiwillig zur Armee gemeldet und fiel im April 1918 an der Somme.

 

 

Johanna Schopenhauer (1766 – 1838)

Gehorsames Herzenskind

Johanna Schopenhauer, Mutter des berühmten Philosophen Arthur Schopenhauer, war bereits zu Lebzeiten eine gefeierte Schriftstellerin und Dame der Gesellschaft. In ihrem Weimarer Salon war auch Goethe gern zu Gast. Vor 250 Jahren, am 9. Juli 1766, wurde sie in Danzig geboren.

Als die bereits an den Rollstuhl gefesselte Johanna Schopenhauer mit über 70 Jahren die Geschichte ihres Lebens aufschreibt, möchte sie vor allen Dingen eines nicht: Sie möchte ihre Leser nicht langweilen. Das Erzählen, schreibt sie – und denkt vielleicht an den noch nicht lange verstorbenen Gast ihres Weimarer Salons, den Geheimrat Goethe – ist die beste Altersunterhaltung. Ihr ist wichtig, dass das Rein-Persönliche hinter das beabsichtigte „Sittengemälde meiner Zeit“ – wie sie sagt – zurück tritt. Und sie beteuert: „Mit meinen Herzensangelegenheiten will ich die Welt ganz verschonen“.

Herzensangelegenheiten“ in Hülle und Fülle hat Johanna bereits in ihre viel gelesenen Entsagungsromane gepackt. Diese handeln von reichlich exzentrischen weiblichen Gefühlen – wie der Roman „Gabriele“ aus dem Jahr 1820. Die Autorin selbst aber möchte weder als kühl-gelehrtes noch als exzentrisch-poetisierendes, sondern als ein ganz normales junges Mädchen gesehen werden. Als gelehrter Blaustrumpf jedenfalls will die Berufsschriftstellerin und Freundin berühmter Persönlichkeiten auch nach vielen literarischen und kulturhistorischen Veröffentlichungen auf keinen Fall gelten. Sie sei vielmehr „eine heitre, anspruchslose alte Frau, der man im geselligen Umgange die Schriftstellerin gar nicht anmerkt“. Und darauf, so schreibt sie weiter, „bilde ich mir etwas ein“.

In ihrer Autobiografie „Jugendleben und Wanderbilder“ (1839) zeichnet Johanna Schopenhauer ein ungetrübtes Bild ihrer frühen Kindheit. Doch auch sie erlebt Dinge, die die Sicht des Mädchens auf ihr Leben entscheidend verändern: In ihrer Geburtsstadt Danzig wird die kleine Jeanette (eigentlich Johanna Henriette) Trosiener Augenzeugin von Lynchjustiz, Spießrutenlaufen und Verhaftungen und sieht sich zum ersten Mal mit existentieller Angst konfrontiert. Ihre republikanische Gesinnung, ihre Weltoffenheit und Toleranz, so betont sie, stammen aus der Zeit ihrer Kindheit, die sie in der multikulturellen pommerschen Stadt an der Ostsee verbringt. Dazu liest Johanna heimlich die ihr streng verbotenen alten Griechen und Römer. Hebt Johanna im Alter auch immer wieder hervor, welch unspektakuläre Frau sie sei, so verzichtet sie jedoch nicht darauf, die kleine Jeanette als etwas ganz besonderes hervorzuheben. Jeanette ist nicht nur die Lieblingsschülerin aller Lehrer in den Danziger Schulen, sondern auch das ‚Herzenskind’ ihres Privatlehrers Jameson. Als Erwachsene avanciert sie zur favorisierten Gesprächspartnerin berühmter Männer und ist ein eloquenter und gern gesehener Gast in fremden Ländern, die sie in Begleitung ihres Ehemannes, eines begüterten Danziger Geschäftsmannes, bereist.

Doch Johanna sieht sich auch mit größeren Enttäuschungen konfrontiert. Ihre unglückliche erste Liebe erwähnt sie nur am Rande. Ausführlich dagegen erzählt sie von ihrem Herzenswunsch, Malerin zu werden. Der Vater reagiert spöttisch und streng auf das für eine Tochter der besseren Gesellschaft unmögliche Ansinnen. Johanna: „Und noch jetzt nach mehr als sechzig Jahren, verweile ich ungern bei der Erinnerung, wie unbarmherzig er meinen kindisch-abgeschmackten Einfall, wie er ihn nannte, verlachte.“

Trost sucht die Zehnjährige – ganz Republikanerin und Tochter des aufgeklärten Zeitalters – in vernünftigen Gedanken, mit denen sie ihre Verletzung überspielen will: Der „Geist der Zeit“ war eben gegen solche hochfliegenden Frauenträume. Die vernünftige Jeanette ergibt sich dem Schicksal der höheren Tochter. Doch ihren Traum hat sie, so scheint es, niemals ganz aufgegeben: Sie wird später kunsthistorische Schriften verfassen und ihre Lebensgeschichte mit bildhaften Beschreibungen aus dem Bereich der Malerei ausstatten. Weil lockere Unterhaltung ihr oberstes Gebot ist, zeigt sich Frau Schopenhauer „im ganzen wohl zufrieden“ und behält im Alter trotz allem „ein wunderbar weiches, aus Freude und Leid zusammengesetztes Gefühl“ zurück.

Gehorsames Herzenskind bleibt Johanna auch in der Vernunftehe mit dem 20 Jahre älteren Patrizier Heinrich Floris Schopenhauer. Die durch ihre Heirat erzwungene „gänzliche Umwandlung (ihrer) gewohnten Existenz“ – sprich: die Einsamkeit und Einförmigkeit ihres Lebens als Ehefrau – meistert sie angeblich durch „guten Willen“, „Jugendmut“ und „Mutterwitz“. Doch ihre Romane sprechen eine andere Sprache. Sie erzählen von tragischen Heldinnen, die auf ihre wahre Liebe verzichten und in unglücklichen Konvenienzehen lieblosen, tyrannischen Gatten ausgeliefert sind – ein Schicksal, mit dem sie sich demütig abfinden.

Johanna Schopenhauer bemühte sich sehr, eine vorbildliche, gebildete, aber nicht ‚gelehrte# Bürgersfrau zu werden. Ihre Leben war von strengen Normen geprägt, die sie nicht in Frage stellte. Nicht eigentlich emanzipiert, wurde sie dennoch zu einer Pionierin auf dem Gebiet weiblichen autobiografischen Schreibens. Vor ihr haben Frauen nur sehr selten über ihr Leben berichtet, während sich bereits zahlreiche Männer in ihren Memoiren selbstbewusst ein Denkmal gesetzt hatten. Einer davon ist Johannas verehrtes Vorbild Johann Wolfgang Goethe, der mit „Dichtung und Wahrheit“ die Vorgabe für eine ganze Epoche bürgerlicher Lebensbeschreibungen lieferte. Johanna Schopenhauer starb am 16. April 1838 in Jena, wohin sie, krank, verarmt und ausgestattet mit einer Ehrenpension des Weimarer Herzogs Karl Friedrich, im Jahr vorher mit ihrer Tochter Adele gezogen war. Auch Adele wurde Schriftstellerin, konnte sich im Bewusstsein der literarischen Welt jedoch nicht neben ihrer glamourösen Mutter und dem Ruhm ihres Philosophen-Bruders Arthur behaupten.

Inge Müller (1925-1966)

Ein Leben und viele Tode

Inge Müller ist vor allem als Mitarbeiterin ihres berühmten Ehemannes, des Schriftstellers Heiner Müller, bekannt. Dabei war sie als Autorin absolut eigenständig. In Gedichten, Prosatexten und Tagebüchern brachte sie den Krieg als Glutkern privater und öffentlicher Geschichte zur Sprache. Vor 50 Jahren – am 01. Juni 1966 – suchte Inge Müller in Ost-Berlin den Freitod. Von Sabine Göttel

Das Foto eines Berliner Mietshauses aus den dreißiger Jahren: Erker, Balkone, Klinkerfassade. Die Fenster sind mit Kreuzen aus schwarzen Kugelschreiberstrichen übermalt. Über einer Kellerluke die Inschrift: 19 Tote. Auf der Rückseite des Fotos steht: „Mein Zuhause“. Das Haus, in dem die Luftwaffenhelferin Inge Müller mit ihren Eltern wohnt, wird im April 1945 bei einem Bombenangriff völlig zerstört. Inge Müller, damals noch Ingeborg Meyer, birgt man nach drei Tagen lebend aus den Trümmern. Sie gräbt im Schutt weiter nach den Eltern. Beide sind tot. Als sie mit einer Bahre zurückkommt, um die Toten zu bergen, fehlt an der Hand der Mutter der Finger mit dem goldenen Ehering.

„Übriggeblieben zufällig“

Inge Meyer ist zwanzig Jahre alt, als sie das Trauma der Verschüttung durchlebt. Geboren am 13. März 1925, wächst sie im Berliner Osten auf. Die Eltern arbeiten beide im Ullstein-Verlag. Der ältere Bruder Wolfgang stirbt kurz nach Inges Geburt; zeitlebens leidet sie unter dem Eindruck, ein ungenügender Ersatz für diesen Bruder gewesen zu sein. Inge besucht die Handelsschule, lernt das Akkordeonspielen und bekommt Ballettunterricht. Zwei Fotos zeigen sie während des Reichsarbeitsdientes in der Steiermark: lächelnd und schwungvoll bei der Feldarbeit eines, mit Akkordeon in fröhlicher Runde das andere. Während des Krieges arbeitet sie unter anderem als Straßenbahnschaffnerin, Stenotypistin und Sekretärin. 1945 wird sie zur Wehrmacht einberufen und einer Kraftfahrtruppe zugewiesen. Sie versucht zu desertieren und wird zur „Flak“ strafversetzt. Dann die Verschüttung. Ihr Beinahe-Tod in den Trümmern und ihr Überleben sind der Glutkern persönlicher und geschichtlicher Tragik. Aus dieser Erfahrung heraus wird sie, die zufällig Übriggebliebene, zur Dichterin: „Da fand ich mich/Und band mich in ein Tuch:/Ein Knochen für Mama/Ein Knochen für Papa/Einen ins Buch“ (Trümmer 45).

Die Wunde Krieg

Doch nicht sofort findet die Traumatisierte zu den Worten, zu verdichteter Sprache. Zunächst versucht sie, ihre Erlebnisse in der vermeintlichen Sicherheit einer Existenz als Ehefrau und Mutter zu bannen. Sie arbeitet als Trümmerfrau, engagiert sich in der Seuchenbekämpfung, betreut alte Menschen. Dann wiederum flieht sie die Ehe und ist zwei Jahre lang mit dem Zirkus Busch und Barlay unterwegs. Dessen Direktor, Herbert Schwenkner, wird ihr zweiter Ehemann. Als Schwenkner Leiter des Friedrichsstadt-Palastes in Berlin wird, gehört die Familie zur Funktionärsschicht der DDR. Man ist Mitglied der SED und wohnt in der Prominentensiedlung Lehnitz-Oranienburg. Jetzt, zu Beginn der 50er Jahre, beginnt Inge Schwenkner zu schreiben – vor allem Märchen, Sagen, Rätsel, Gedichte, Lieder und Revuen für Kinder. Ihre Bücher künden von einem didaktischen Impuls, wollen für ein Leben in der Gemeinschaft, für die gegenseitige Achtung voreinander und für den Respekt gegenüber Schwächeren sensibilisieren. Sie handeln vom geschwisterlichen Umgang mit Tieren und mit der Natur. Und sie sind getragen vom Glauben an eine kreative Kraft, die das Kind Anfechtungen von außen entgegenzuhalten weiß.

Die Gedichte, die parallel zu den Kinderbüchern entstehen, nehmen den Ton von Abzählversen und Kinderreimen auf. Noch bleibt das Trauma der Verschüttung ausgespart. Doch Lakonie und Prägnanz nehmen diesen Versen den Schnörkel der heilen Welt: „Ich steh mit einem Bein im Grab/Was mach ich mit dem zweiten./Ich muß mich dich begleiten./Ich hack das erste ab.“ Die Wunde Krieg macht aus Kindern kleine Erwachsene, die um die Kindheit betrogen wurden. Spracharbeit wird zu Knochenarbeit.

Selbsttaufe mit Worten

Ab 1953 ist Inge Schwenkner als freischaffende Schriftstellerin tätig. Sie textet Bildbände, arbeitet als Journalistin und Dramaturgin für Film und Theater. Ihre Prosaarbeiten und ihre Gedichte bleiben jedoch überwiegend ungedruckt; den Verlagen künden sie zu wenig vom Pathos der sozialistischen Aufbaujahre. Es dauert lange, bis sie artikulieren kann, was ihr bisher nur als stummer Schrei, als wortloses Bild, als schmerzender Abdruck im Körper zugänglich war: Krieg, Tod und Verschüttung. Doch dann beginnt sie, sich schreibend zu erinnern. Von Blut, Knochenbergen, Schutt und Staub ist jetzt die Rede; gleichzeitig sind ihre Texte eine Selbstvergewisserung, eine Selbsttaufe mit Worten, ein Neubeginn – eine Auferstehung aus dem Bauch des Wals, von Gott am Sterben gehindert („Jona-Fragment“).

Mitte der 50er Jahre dann ein erneuter Anfang: das Leben und die Arbeit mit Heiner Müller. Als sich Inge Schwenkner und Heiner Müller 1953 begegnen, ist sie bereits eine gefragte Nachwuchsautorin, während er, der vier Jahre Jüngere, bei Freunden wohnt und sich mit Buchbesprechungen durchschlagen muss. Sie heiraten 1955. Zunächst gibt die Kunstdoktrin der DDR den Rahmen für die gemeinsame Arbeit für Rundfunk und Theater vor. Für das Hörspiel „Die Korrektur“ und das Theaterstück „Der Lohndrücker“ studiert das Ehepaar den proletarischen Alltag im Industriekombinat „Schwarze Pumpe“. 1959 erhalten sie gemeinsam den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste Berlin. Auch mit eigenen Arbeiten ist Inge Müller erfolgreich; 1961 wird sie mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze für ihr Hörspiel „Die Weiberbrigade“ geehrt.

Zunehmende Isolation

Das Jahr des Mauerbaus markiert einen Wendepunkt in der Arbeit des Ehepaars Müller. 1961 darf ihr Stück „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ nicht öffentlich aufgeführt werden und Heiner Müller wird aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Durch die Erfahrung der Zensur werden Inge Müllers Gedichte mehr und mehr durchlässig für aktuelle politische Themen. In einer Reihe lyrischer Porträts literarischer Weggenossen findet sie leise Töne gegen den schreienden DDR-Stalinismus. Sie ist zwar keine Dissidentin und hat den Glauben an das Glücksversprechen des Sozialismus noch nicht ganz aufgegeben. Aber Inge Müller ist von der schreibenden Funktionärsgattin und staatlich dekorierten Nachwuchshoffnung zur unbequemen Autorin geworden, die zunehmend in die Isolation gerät.

Zudem drängt sich ihr die Vergangenheit in häufig wiederkehrenden manisch-depressiven Schüben und in starken körperlichen Schmerzen auf. Immer mehr Zeit verbringt sie im Krankenhaus, ohne dass sich die Beschwerden bessern. Sie versucht mehrfach, ihr Leben mit der unerträglichen Schuld, überlebt zu haben, zu beenden. Tagebuchfragmente dokumentieren die Sehnsucht nach Vitalität, Austausch und nach Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit mit Heiner Müller. Aber sie verschweigen nicht, dass das Zusammenleben der beiden Schriftsteller auch problematisch ist: Eine Frau und ein Mann, die sich lieben, die zusammen arbeiten – und die doch permanent die Machtfrage stellen. Inge Müller ringt um ein Gleichgewicht zwischen kreativer Sendung, Ehe und Mutterrolle: „Mein Mann, mein Kind, mein Schreiben – keins VOR dem andern, keins?“

Anfang und Ende

Weil Anfang und Ende Inge Müllers in den Kriegstrümmern so nah beieinander lagen, erscheint ihre Selbsttötung im Jahr 1966 wie eine endgültige, schließlich gelungene Wiederholung – ein geglückter nach vielen verfehlten Toden. Heiner Müller findet seine Frau Inge am 1. Juni 1966 tot neben dem Gasherd. In seiner Autobiografie „Krieg ohne Schlacht“ heißt es: „Ich stand kurz unter Mordverdacht, weil sie keinen Abschiedsbrief geschrieben hatte. Ihr Abschiedsbrief waren die Gedichte, die sie in den letzten acht Jahren schrieb.“ Seit 1996 erinnert eine Stele auf dem Städtischen Friedhof III in Berlin-Pankow an die außergewöhnliche Dichterin: „Ich habe dich heute Nacht verlassen/Für lange Zeit, mir ist: für immer./Der Morgen war ein graues Zimmer/Und als du gingst war Rauch in den Straßen.“

Hildegard Knef (1925-2002)

Keine Zeit für Stolz

Die Schauspielerin und Chansonlegende Hildegard Knef wäre am 28. Dezember 2015 90 Jahre alt geworden. 2002 starb der glamouröseste deutsche Weltstar nach Marlene Dietrich in Berlin. Mit ihrer Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ machte sie 1970 auch literarisch Furore


Sie war die Ikone einer Generation von Müttern und Töchtern, die aufmüpfig und intellektuell und doch Frau sein wollten – nicht so schräg und absturzgefährdet wie Nico, nicht so philosophisch abgehoben wie Juliette Gréco. Hildegard Knef, das war die Berliner, die bodenständig-deutsche Variante des französischen Existentialismus: blond statt tiefschwarz, in aufwendigen Rüschenroben statt schlichtem Rollkragen, verlässlich umweht vom geborgten Glamour ferner Hollywoodstars. Vom „intellektuellen Sex“ der Knef sprach denn auch stern-Herausgeber und Freund Henri Nannen; zur „woman and a half“ stilisierte sie Schauspielerkollege und Ex-Ehemann David Cameron. Die kluge Knef wusste um ihre Ausstrahlung. Sie inszenierte sich permanent rauchend, redete von Poesie, kultivierte ihre markante, untergründig erotische Stimme, gab sich mal kumpelhaft, mal undurchdringlich. Ihre durch überdimensionale künstliche Wimpern und viel schwarze Schminke offensiv betonten Augen waren Aufforderung und Warnung zugleich: Schaut mich an, aber den letzten Blick in meine Seele verwehre ich euch. Die Augen der Knef glommen wie das Brandmal eines Traumas, das sie, nach eigenem Bekunden, bis zu ihrem Lebensende mit sich herumtrug. Aus ihm bezog sie ein Leben lang ihre bezaubernde Melancholie.

Hildegard Frieda Albertine Knef war knapp zwanzig Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. In ihrer 1970 erschienenen, rasant erzählten Autobiografie Der geschenkte Gaul – ein Buch, von dem 750 000 Hardcover-Exemplare verkauft wurden und das seine Autorin mit einem Schlag national und international berühmt machte – nimmt der „Wahnwitz“ der Kriegs- und Nachkriegszeit (Knef) breiten Raum ein. Zentral: Die Ungeheuerlichkeit, tagelang neben einer toten Frau in einem völlig dunklen Loch eingesperrt zu sein. Dieses Erlebnis zeichnet sich auf dem Gesicht der jungen Schauspielerin ab und macht die Nähe des Leidens in Filmen wie Die Mörder sind unter uns (1947), Entscheidung vor Morgengrauen (1951; mit Oscar Werner), und Nachts auf den Straßen (1952; mit Hans Albers) spürbar. Und es generiert diesen fast sprichwörtlich gewordenen Überlebenswillen der Knef, ihre beneidenswerte Fähigkeit, sich gegen alle Fährnisse des Berufs und des Privatlebens trotzig zu behaupten. Dass der eine oder andere Biograf in der letzten Zeit die historische Richtigkeit einiger Schilderungen anzweifelt, ändert nichts an der Tatsache, dass Hildegard Knef eben nicht nur für ihre Erfolge, sondern gerade auch wegen ihres multiplen Scheiterns geliebt wurde – getreu dem Grundsatz: Wahr muss es nicht sein, aber stimmen muss es. In diesem Sinne nannte sie Von nun an ging’s bergab, einen ihrer 60er-Jahre-Hits, der sich aus Misserfolgen und Rückschlägen in ihrem Leben speist, nicht ohne Selbstironie einen „Lebenslauf wider den tierischen Ernst“.

Nicht genug zu feiern ist die künstlerisch vielfach begabte Hildegard Knef. Frühe Erfolge als Sängerin waren ihr bereits in den USA beschert, wohin sie 1947 mit hohen Erwartungen aufgebrochen war, aber als Schauspielerin in der „Hollywood-Diktatur“ (Knef) nicht den erhofften Erfolg erzielte. Erst das Musical Silk Stockings machte sie 1954 am Broadway berühmt. Zurück in Europa, drehte sie einige „falsche“ Filme (Knef), die ihr das Fußfassen zuhause nicht eben erleichterten. Zäh und energisch versuchte sie, sich gegen das Misstrauen zu behaupten, das ihr die Deutschen entgegenbrachten – wie schon vor ihr Marlene Dietrich und nach ihr Romy Schneider, die ebenfalls das Land verlassen hatten und als „Verräterinnen“ beschimpft wurden. Mit dem Erfolg ihrer Chansons, die in ganz eigener Weise die lässige Eleganz des Jazz und die schauspielerische Interpretation mit der Eingängigkeit des Schlagers verbinden, schien Hildegard Knef rehabilitiert. Sie begann zunächst mit literarischen Songs von Brecht, Tucholsky und Brel, sowie mit Jazz-Standards und stieg später auf eigene Texte um, die ihre Karriere als Autorin und Schriftstellerin begründeten. Als „größte Sängerin der Welt ohne Stimme“ (Ella Fitzgerald) setzte sie auch in ihren Chansons am eigenen Leben an (Für mich soll’s rote Rosen regnen). Sie stattete den Alltag mit Poesie und trockenem Humor aus (Ich brauch Tapetenwechsel) und besang die ambivalente Schönheit ihrer Heimatstadt (Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen). Die wenigen Sekunden der Nacktheit, mit denen sie als Sünderin (Willi Forst, 1951) die prüde Filmnation einst in Wallung versetzt hatte, wurden Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Außergewöhnlich experimentierfreudig und stets neugierig auf das Leben, blieb Hildegard Knef am Puls der Zeit. Sie äußerte sich, als es um 1968 Mode war, in Interviews über das Thema Kollektivschuld. Sie bewegte sich in Gesellschaft illustrer Namen, darunter Henry Miller und Willy Brandt, und knüpfte an neue Strömungen in der Pop-Musik an, indem sie in den frühen 70er Jahren ein damals weniger beachtetes Album mit den Les Humphries Singers aufnahm (Worum geht’s hier eigentlich). Immer aber blieb ein Rest an Inkompatibilität, mit dem sie sich Vereinnahmungsversuchen widersetzte.

1970 machte ihre Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ bei Kritik und Publikum Furore. Das Buch stürmte Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, wurde in 17 Sprachen übersetzt und als Weltbestseller zum international erfolgreichsten Buch eines deutschen Autors seit 1945. Anlässlich einer Lesereise in den USA schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1971 euphorisch: „Die Kritiken waren ausnahmslos begeistert, weil hier zum ersten mal jemand berichtet, wie es damals war … jemand, der weder Dichter noch gelehrter ist, also ohne jede Verfremdung und Distanz das eigene Leben in den Hitlerjahren und danach freimütig ausgebreitet hat. Dabei war es nicht der Show-Star, sondern die offenherzige Deutsche, die Eindruck in Amerika gemacht hat, ihr intensiver Ernst, die couragierte Offenheit, mit der sie auch Unpopuläres vorbringt, Risiken nicht ausweicht, eine Ehrlichkeit, die ihr Publikum so ergreift, dass die Leute von der Akademie der Fernsehkünstler, die ihr in New York ein Essen gaben, sich am Ende erhoben und ihr eine Ovation darbrachten.“ Für ihre Bemühungen um das Ansehen Deutschlands in der Welt 1975 erhielt Hildegard Knef das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. „Der geschenkte Gaul“ hat bis heute eine Auflage von 3 Mio. Bänden erreicht; 2009 wurde das Buch unter dem Titel „Hilde“ mit Heike Makatsch kongenial verfilmt.

Auf der Höhe des Ruhms – sie ist 47 Jahre alt und hat eine fünfjährige Tochter – erkrankt Hildegard Knef an Brustkrebs. Sie, die sich nie gescheut hatte, das Privateste mit der Öffentlichkeit zu teilen („Öffentlichkeit ist mein Beruf!“) konnte, begabt mit einem mächtigen Ego, auch dieses Schicksal annehmen. Freimütig bekannte sie, methadonsüchtig zu sein und rechnete in ihrem Buch Das Urteil schonungslos mit Ärzten ab. Ein solcher Wagemut muss wohl auch als Teil der Maßlosigkeit gesehen werden, aus dem die Aura echter Stars gemacht ist. Noch die alt und krank gewordene Diva versprühte den Glamour des Weltstars. In der wunderbaren Film-Dokumentation A Woman And a Half aus dem Jahr 2001 erlebt man eine stille Knef, die darauf beharrt, dass ihr Selbstbild nicht mit dem Fremdbild der Öffentlichkeit übereinstimmt. Gewohnt trotzig besteht sie darauf, weniger aggressiv und viel ängstlicher, vorsichtiger zu sein als bisher angenommen. Sie erzählt von der Einsamkeit des Alters, von ihrer Abscheu vor Misstrauen, das einem das Leben vergälle und darüber, dass man sich zwar auf das Glück vorbereiten, es aber nicht forcieren kann. Ob sie auf ihr Lebenswerk stolz sei, wird sie gefragt, während sie mit ihrem dritten Ehemann Paul von Schell im Wagen durch New York fährt. Ihr lakonischer Kommentar: „Nein. Wer Zeit hat stolz zu sein, ist eh ein elendes Häufchen Nichts.“

Heinrich Böll (1917-1985)

„Es gibt nichts, was uns nichts angeht“

Von wegen Elfenbeinturm: Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll forderte kritische Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft von seiner Zunft. Zeit seines Lebens zeigte er sich von der moralischen Wirkung der Literatur überzeugt. Am 16. Juli 2015 jährte sich sein Todestag zum 30. Mal

Im aufgeheizten Klima der vom Terror erschütterten Bundesrepublik verunglimpfte man ihn als „Sympathisanten“ der RAF, weil er sich für Sachlichkeit und Mäßigung in der Berichterstattung einsetzte: Heinrich Bölls Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, 1972 im Spiegel erschienen, löste einen Skandal aus und führte zur polizeilichen Durchsuchung seiner Wohnung. Vor allem an der vermeintlich intimen Anrede Ulrike Meinhofs entzündete sich die öffentliche Wut; dabei war der Titel eine Zutat der Redaktion – gegen den Willen des Autors. Trotz aller Anfeindungen engagierte sich Heinrich Böll weiter direkt politisch. 1974 gewährte er dem aus der UdSSR ausgebürgerten Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn Asyl in seinem Haus und empfing den mit ihm eng befreundeten russischen Dissidenten und Weltbürger Lew Kopelew. 1983 war Böll prominenter Teilnehmer der Blockade des US-Militärlagers in Mutlangen und Redner auf der Bonner Friedensdemonstration. Bereits 1969 hatte er Willy Brandt im Bundestagswahlkampf unterstützt. Literatur und gesellschaftliche Verantwortung gehörten für Heinrich Böll untrennbar zusammen.

Heinrich Böll, Sohn eines Kunsttischlers und Bildhauers, wird am 21. Dezember 1917 in Köln geboren und wächst zusammen mit sieben Geschwistern in einem kleinbürgerlich und katholisch geprägten Milieu auf. Seine ausgeprägte Verbundenheit mit Familie, Religion und Region – die „Gebundenheit an Zeit und Zeitgenossenschaft“, wie es Böll später formulierte, sollte sein literarisches Werk entscheidend beeinflussen. Bereits mit 17 Jahren beginnt er, Gedichte zu schreiben. 1937 macht er in seiner Heimatstadt Abitur. Nach einer abgebrochenen Lehre als Buchhändler in Bonn und dem Einsatz im Reichsarbeitsdienst schreibt er sich an der Universität Köln in den Fächern Germanistik und Altphilologie ein, wird jedoch kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen. Als Soldat an der West- und Ostfront eingesetzt, gerät er bei Kriegsende in Gefangenschaft. Im September 1945 kann er zu seiner Frau Annemarie Cech, einer Lehrerin, nach Köln zurückkehren und sein Studium wieder aufnehmen. Bis 1950 werden drei Söhne geboren.

In den Nachkriegsjahren trägt Böll zunächst mit Gelegenheitsarbeiten zum Unterhalt der Familie bei; doch das Schreiben wird immer bedeutsamer für ihn. 1947 debütiert er mit Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften; 1949 erscheint sein erstes Buch, die Erzählung „Der Zug war pünktlich“. Ein Sammelband mit Kurzgeschichten folgt 1950 unter dem Titel „Wanderer kommst du nach Spa…“ Seit 1951 arbeitet Heinrich Böll als freier Schriftsteller. Es ist das Jahr, in dem er für seine Satire „Die schwarzen Schafe“ den Preis der Gruppe 47 erhält und in dem sein ergreifender Antikriegsroman „Wo warst Du, Adam?“ erscheint. Auch der 1953 veröffentlichte Roman „Und sagte kein einziges Wort“ – die Ehegeschichte eines Kriegsheimkehrers – steht im Bannkreis traumatischer Erfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Im Taumel des Wiederaufbaus und der Wirtschaftswunderzeit, die vor allem das Vergessen propagiert, mahnt Heinrich Böll: „Der Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat.“

In den fünfziger Jahren wird Böll zu einem bedeutenden Vertreter der westdeutschen Nachkriegsliteratur, die an die Tradition nonkonformistischer und sozialkritischer Werke in der Weimarer Republik anknüpft. Er schreibt Gedichte, Romane und Erzählungen, wie „Haus ohne Hüter“ und „Das Brot der frühen Jahre“ (1962 verfilmt); er reist nach Irland und in die UdSSR und verfasst Reiseberichte wie das heute noch beliebte und 2007 wieder neu aufgelegte „Irische Tagebuch“. Zusammen mit seiner Frau Annemarie arbeitet Böll auch als Übersetzer englischer, irischer, amerikanischer und australischer Literatur. Zahlreiche Auszeichnungen begleiten seine Karriere, darunter 1967 die bedeutendste deutsche Ehrung für Autoren, der Georg-Büchner-Preis. 1972 erhält er den Nobelpreis für Literatur – als erster deutscher Autor nach 43 Jahren.

In den Jahren 1970 bis 1974 setzt sich Heinrich Böll als Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und des Internationalen P.E.N.-Clubs für die sozialen Belange von Autoren sowie für verfolgte Schriftsteller in aller Welt ein. Sein besonderes Interesse gilt der Aussöhnung zwischen Deutschland und den osteuropäischen Ländern, während er sich in Deutschland selbst – mittlerweile zu einer hochangesehenen moralischen Institution geworden – vehement gegen Repression und Aufrüstung einsetzt.

Nach den vielgelesenen Romanen „Billard um halbzehn“ (1959), „Ansichten eines Clowns“ (1963) und „Gruppenbild mit Dame“ (1971; 1977 mit Romy Schneider verfilmt) erschien 1974 sein erfolgreichstes Werk, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – eine Erzählung über die menschenverachtenden Auswirkungen des Sensationsjournalismus. 1975 erscheint die satirische Kurzgeschichte „Berichte zur Gesinnungslage der Nation“.
Da Bölls Werke fast immer in Bezug stehen zu den gesellschaftlichen Herausforderungen seiner Zeit, nannte sie Wolfram Schütte einen „fortlaufenden Kommentar zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands“. Wie kein zweiter begleitete Böll Generationen von Lesern auf ihrem Weg durch Krieg, Restauration, Reformära und die Zeit der konservativen Wende in den 80er Jahren. Diese literarisch gestaltete und zutiefst moralisch engagierte Zeitzeugenschaft ist der Kern seiner Arbeit. Oft wurde ihm von der Kritik vorgeworfen, seine Erzählmuster seien konventionell, seine Technik manchmal unbeholfen. Doch Literatur, so forderte Böll, müsse auch einem breiten Publikum zugänglich und verständlich sein; Ästhetizismus und Avantgardismus waren seine Sache nicht. So trug er mit seinen Werken, die in viele Sprachen übersetzt wurden, entscheidend dazu bei, dass das im Ausland lange fortlebende Bild des „hässlichen Deutschen“ revidiert wurde.

1983 wurde er zum Professor ernannt und erhielt die Ehrenbürgerwürde der Stadt Köln. Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 nach langer Krankheit in Langenbroich. Sicherlich hätte er, der in den 70er Jahren Rupert Neudecks Initiative zur Rettung der vietnamesischen boat people unterstützte, heuer vehement an unsere Verantwortung für die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer appelliert. Denn: „Es gibt nichts, was uns nichts angeht“.