Dezember: Robert Walser (1878 – 1956)

Im Bureau

Der Mond blickt zu uns hinein,
er sieht mich als armen Kommis
schmachten unter dem strengen Blick
meines Prinzipals.
Ich kratze verlegen am Hals,
dauernden Lebenssonnenschein
kannte ich noch nie.
Mangel ist mein Geschick;
kratzen zu müssen am Hals
unter dem Blick des Prinzipals.
Der Mond ist die Wunde der Nacht,
Blutstropfen sind alle Sterne.
Ob ich dem blühenden Glück auch ferne,
ich bin dafür bescheiden gemacht.
Der Mond ist die Wunde der Nacht.

November: Sema Güler (geb. 1971)

Magisch der Mond
der Vergangenheit
dahinter
der Turm im Dunst des Lichts
mit Jaspis ausgelegt
und die Pforte der Burgen

Mit dem dünnen Atem der Tannen, blau
kamen sie und gingen

gingen mitten durch
den ausgepeitschten Atem
des Weinbergs und
der sich lange
umarmenden Vorhänge und Lieder

die Engel tragen ein
schwarzes Herz

Stich ihnen die Augen aus
und knüpfe
die blutigen Trauben
in dein Haar

Aus dem Türkischen von Sabine Göttel

Juli + August: Jules Supervielle (1884 – 1960)

Paris

O Paris, ville ouverte
Ainsi qu’une blessure,
Que n’es-tu devenue
De la campagne verte.

Te voilà regardée
Par des yeux ennemis,
De nouvelles oreilles
Écoutent nos vieux bruits.

La Seine est surveillée
Comme du haut d’un puits
Et ses eaux jour et nuit
Coulent emprisonnées.

Tous les siècles français
Si bien pris dans la pierre
Vont-ils pas nous quitter
Dans leur grande colère ?

L’ombre est lourde de têtes
D’un pays étranger.
Voulant rester secrète
Au milieu du danger

S’éteint quelque merveille
Qui préfère mourir
Pour ne pas nous trahir
En demeurant pareille.

 

Paris
(Paul Celan)

Du offne Stadt, du wunden-
offene Stadt Paris,
Flachland zu sein und Grasland,
viel besser stünd dir dies.

Die Augen, die dich sehen,
sie schaun aus Feindsgesicht,
die nicht hierher gehören,
hörn: Altvertrautes spricht.

Die Seine – unter Aufsicht,
am Boden eines Schachts,
nachtaus, tagein, ihr Wasser,
es wälzt Gefangenschaft.

Ihr Quadern und ihr Steine,
die ihr französisch seid:
ob ihr nicht von uns fortgeht
vor lauter Zorn und Leid?

Die Köpfe, dicht, im Schatten,
die aus dem fremden Land –
Es will geheim hier dauern,
gefährdet, ungebannt,

ein Wunder, irgendeines,
es lischt, es mag nicht mehr,
es will uns nicht verraten,
so bleibend wie bisher.

 

 

 

 

Juni: Johannes Kühn (geb. 1934)

Nun mit den Raben

Nun mit den Raben am Tisch des Lands und klagend,
sie nach Brot,
ich nach Freundschaft.

Gestorben ist die Zeit,
wo wir uns fanden,
ein Schönes anzuloben,
Tag oder Fest,
ein Mädchen,
ein neues Lied,
das in Siegsfahrt
durchs Land zog.

Es hat sich der Winter eingenistet
in Aug und Mund.
Er knechtet den Garten,
in dem wir saßen,
und wo der Abendstern
gut in unsere Mitte kam.

Wissend,
daß das Alter uns weiter ändert ins Unglück,
wissend,
daß der heißeste Atem webstirbt am rötesten Mund,
bettle ich,
stumm geworden, an keinem Himmel.

Mai: Gertrud Kolmar (1894-1943)

Die Einsame

Ich ziehe meine Einsamkeit um mich,
Sie ist so wie ein wärmendstes Gewand
An mir geworden ohne Kniff noch Stich,
Wenn auch der Ärmel fällt tief über meine Hand.

Ein Ungekannter hat ihr Maß gezirkt,
Die fremdes Antlitz fühlt als trübes Wehn;
Die großen Schwarzhalsschwäne sind gewirkt
In ihre Falten; aber ich nur kann sie sehn.

Es tun sich meine innren Blicke auf
– Ein Pfauenauge, das die Flügel schließt –
Und schaun der Welle jadefarbnen Lauf,
Die alte Säume licht und strömend übergießt.

Sie feuchten so wie einer Elbe Haar.
Sie tragen noch den Fluss. Sie schleppen tief.
Und graues Berggestade fängt das Jahr,
Das wie ein Vogel ängstlich seine Tage rief.

Und nun ist Schweigen, Und das Kleid schwillt nun.
Und ich muss wachsen, dass es mir noch ziemt,
Drin Fische, wie sie niemals wirklich tun,
Um meine Brüste schweben, pupurblau gekiemt.

Der Erde Körner sind hineingesät.
Aus meiner Schulter bricht ein Felsengold,
Das Tuch durchschimmernd, das sich schleift und bläht
Und langsam über meiner Stirn zusammenrollt.

Februar + März: Pablo Neruda (1904 – 1973)

Ode an die Dinge

Ich liebe die Dinge über alles,
alles.
Ich mag die Zangen,
die Scheren,
ich schwärme
für Tassen,
Serviettenringe,
Suppenschüsseln –
vom Hut
ganz zu schweigen.

Ich liebe
alle Dinge,
nicht nur
die höherstehenden,
sondern
auch
die un-
end-
lich
kleinen,
den Fingerhut,
Sporen,
Teller,
Vasen.

Bei meiner Seele,
ist der Planet
schön,
voller Pfeifen, die
von Händen
durch den Rauch
geführt werden,
voller Schlüssel,
voller Salzfässer,
voll von
allem,
was von Menschenhand erschaffen, allen Dingen:
die Rundungen am Schuh,
den Geweben,
der zweiten
diesmal unblutigen
Geburt des Goldes,
den Brillen,
den Nägeln,
den Besen,
den Uhren, den Kompassen,
dem Kleingeld, der weichen
Weichheit der Stühle.

Ah, soviel
reine
Dinge
hat der Mensch
entworfen,
aus Wolle,
aus Holz,
aus Glas,
aus Stricken –
Tische, wunderbare Tische,
Schiffe, Leitern.

Ich liebe
alle
Dinge,
nicht weil sie
brennen
oder
duften,
sondern
ich weiß nicht warum,
weil
dieser Ozean dir gehört,
mir gehört:
Die Knöpfe,
die Räder,
die kleinen
vergessenen
Schätze,
die Fächer,
in deren Federn
die Liebe ihre
Orangenblüten
wehte,
Gläser, Messer,
Scheren –
auf allem
findet sich
am Griff, am Rand,
eine Fingerspur,
die Spur einer entrückten,
ins vergessenste Vergessen
versunkenen Hand.

Ich gehe durch die Häuser,
Straßen,
Fahrstühle
und berühre dabei Dinge,
erkenne Gegenstände,
die ich insgeheim begehre:
mal weil sie läuten,
mal weil sie
so weich sind
wie die Weichheit einer Hüfte,
dann wieder, weil sie wie tiefes Wasser
gefärbt oder dick wie Samt sind.
O unumkehrbarer
Strom
der Dinge,
keiner kann sagen,
ich hätte nur
die Fische
geliebt
oder die Gewächse des Urwalds und der Wiesen,
ich hätte
nur geliebt,
was hüpft, klettert, überlebt und seufzt.
Falsch:
Mir sagten viele Dinge
vieles.

Nicht nur sie rührten mich
oder meine Hand rührte sie an,
sondern so dicht
liefen sie
neben meinem Dasein her,
daß sie mit  mir da waren
und so sehr da für mich waren,
daß sie ein halbes Leben mit mir lebten
und dereinst auch einen halben Tod
mit mir sterben.

 

Januar: norbert c. kaser (1947-1978)

im winter fuettert ihr
die armen voeglein tot
im fruehling waehlt
ihr gruen und rot

am liebsten beides
(s‘ ist kein unterschied)

im sommer dann macht ihr
mit vielem unverstand
politik fuers tote
rote gruene vaterland
im herbst seid ihr
schon engagiert
im hinterzimmer vom
guten hirschenwirt
so rundet sich fuer
euch das jahr
wie gut daß es nicht

anders war