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10 Jahre Literatur & Leben

 

Am 15. Februar 2019 feierten wir mit vielen Gästen das 10jährige Bestehen der Akademie Literatur & Leben.

Wir bedanken uns bei allen Mitwirkenden und Gästen für das schöne Fest mit Vortrag, Lyrik, Musik und Köstlichkeiten vom Buffet und beim Kulturbüro der Stadt Hannover für die großzügige Förderung!

Frauenbilder – Vernissage und Vortrag am 4. Mai 2018

Zu einem spannenden Dialog der Künste unter dem Motto „Frauenbilder“ kam es am 4. Mai anlässlich unseres Abends mit der Malerin Ilona Arndt (Hannover) und der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Martina Bölck (Hamburg).

In einem Gespräch mit den Akademieleiterinnnen Sabine Göttel und Christina Rohwetter gaben die Gäste Einblick in ihre Arbeit. Ilona Arndt gab Auskunft auf die Frage, warum ihre Bilder keinen Titel haben und warum sie bevorzugt Frauenporträts malt. Und Martina Bölck erläuterte, warum sie auch nach über 30 Jahren noch von Person und Werk der Autorin Franziska zu Reventlow (1871-1918) fasziniert ist. Derzeit bereitet sie beim Deutschlandradio eine Langen Nacht über die Autorin vor.

Nach Gespräch und Vortrag flanierten 25 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer bei einem Glas Sekt durch die Ausstellung und nahmen die Gelegenheit wahr, sich persönlich mit Ilona Arndt und Martina Bölck über ihre Eindrücke auszutauschen.

Es war ein wunderbarer Abend, für den wir uns bei unseren Gästen und bei unserem Publikum herzlich bedanken!

Heinrich Böll (1917-1985)

„Es gibt nichts, was uns nichts angeht“

Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll forderte kritische Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft von seiner Zunft. Zeit seines Lebens zeigte er sich vom moralischen Auftrag der Literatur überzeugt. Wir erinnern an den unbequemen deutschen Schriftsteller, der vor 100 Jahren – am 21. Dezember 1917 – geboren wurde.

Im aufgeheizten Klima der vom Terror erschütterten Bundesrepublik verunglimpfte man ihn als „Sympathisanten“ der RAF, weil er sich für Sachlichkeit und Mäßigung in der Berichterstattung einsetzte: Heinrich Bölls Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, 1972 im Spiegel erschienen, löste einen Skandal aus und führte zur polizeilichen Durchsuchung seiner Wohnung. Vor allem an der vermeintlich intimen Anrede entzündete sich die öffentliche Wut; dabei war der Titel eine Zutat der Redaktion – gegen den Willen des Autors. Trotz aller Anfeindungen engagierte sich Heinrich Böll weiter konsequent politisch. 1974 gewährte er dem aus der UdSSR ausgebürgerten Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn Asyl in seinem Haus und empfing den russischen Dissidenten und Weltbürger Lew Kopelew, mit dem er eng befreundet war. 1983 war Böll prominenter Blockierer des US-Militärlagers in Mutlangen und Redner auf der Bonner Friedensdemonstration. Bereits 1969 hatte er Willy Brandt im Bundestagswahlkampf unterstützt. Literatur und gesellschaftliche Verantwortung gehörten für Heinrich Böll untrennbar zusammen.

Heinrich Böll, Sohn eines Kunsttischlers und Bildhauers, wird am 21. Dezember 1917 in Köln geboren und wächst zusammen mit sieben Geschwistern in einem kleinbürgerlich und katholisch geprägten Milieu auf. Seine ausgeprägte Bindung an Familie, Religion und Region – die „Gebundenheit an Zeit und Zeitgenossenschaft“, wie es Böll später formulierte, sollte sein literarisches Werk entscheidend beeinflussen. Bereits mit 17 Jahren beginnt er, Gedichte zu schreiben. 1937 macht er in seiner Heimatstadt Abitur. Nach einer abgebrochenen Lehre als Buchhändler in Bonn und dem Reichsarbeitsdienst schreibt er sich an der Universität Köln in den Fächern Germanistik und Altphilologie ein, wird jedoch kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen. Als Soldat an der West- und Ostfront gerät er bei Kriegsende in Gefangenschaft. Im September 1945 kann er zu seiner Frau Annemarie Cech, einer Lehrerin, nach Köln zurückkehren und sein Studium wieder aufnehmen. Bis 1950 werden drei Söhne geboren.

In den Nachkriegsjahren trägt Böll zunächst mit Gelegenheitsarbeiten zum Unterhalt der Familie bei; doch das Schreiben wird immer bedeutsamer für ihn. 1947 debütiert er mit Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften; 1949 erscheint sein erstes Buch, die Erzählung „Der Zug war pünktlich“. Ein Sammelband mit Kurzgeschichten folgt 1950 unter dem Titel „Wanderer kommst du nach Spa…“ Seit 1951 arbeitet Heinrich Böll als freier Schriftsteller. Es ist das Jahr, in dem er für seine Satire „Die schwarzen Schafe“ den Preis der Gruppe 47 erhält und in dem sein ergreifender Antikriegsroman „Wo warst Du, Adam?“ erscheint. Auch der 1953 veröffentlichte Roman „Und sagte kein einziges Wort“ – die Ehegeschichte eines Kriegsheimkehrers – steht im Bannkreis traumatischer Erfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Im Taumel des Wiederaufbaus und der Wirtschaftswunderzeit, die vor allem das Vergessen propagiert, mahnt Heinrich Böll: „Der Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat.“

In den fünfziger Jahren wird Böll zu einem bedeutenden Vertreter der westdeutschen Nachkriegsliteratur, die an die Tradition nonkonformistischer und sozialkritischer Werke in der Weimarer Republik anknüpft. Er schreibt Gedichte, Romane und Erzählungen, wie „Haus ohne Hüter“ und „Das Brot der frühen Jahre“ (1962 verfilmt); er reist nach Irland und in die UdSSR und verfasst Reiseberichte wie das heute noch beliebte und 2007 wieder neu aufgelegte „Irische Tagebuch“. Zusammen mit seiner Frau Annemarie arbeitet Böll auch als Übersetzer englischer, irischer, amerikanischer und australischer Literatur. Zahlreiche Auszeichnungen begleiten seine Karriere, darunter 1967 die bedeutendste deutsche Ehrung für Autoren, der Georg-Büchner-Preis. 1972 erhält er den Nobelpreis für Literatur – als erster deutscher Autor seit 43 Jahren.

Von 1970 bis 1974 setzt sich Heinrich Böll als Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und des Internationalen P.E.N.-Clubs für die sozialen Belange von Autoren sowie für verfolgte Schriftsteller in aller Welt ein. Sein besonderes Interesse gilt der Aussöhnung zwischen Deutschland und den osteuropäischen Ländern, während er sich in Deutschland selbst – mittlerweile zu einer hochangesehenen moralischen Institution geworden – vehement gegen Repression und Aufrüstung einsetzt. Nach den vielgelesenen Romanen „Billard um halbzehn“ (1959), „Ansichten eines Clowns“ (1963) und „Gruppenbild mit Dame“ (1971; 1977 mit Romy Schneider verfilmt) erschien 1974 sein erfolgreichstes Werk, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – eine Erzählung über die menschenverachtenden Auswirkungen des Sensationsjournalismus. 1975 erscheint die satirische Kurzgeschichte „Berichte zur Gesinnungslage der Nation“.

Da Bölls Werke fast immer in Bezug stehen zu den gesellschaftlichen Herausforderungen seiner Zeit, nannte sie Wolfram Schütte einen „fortlaufenden Kommentar zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands“. Wie kein zweiter begleitete Böll Generationen von Lesern auf ihrem Weg durch Krieg, Restauration, Reformära und die Zeit der konservativen Wende in den 80er Jahren. Diese literarisch gestaltete und zutiefst moralisch engagierte Zeitzeugenschaft ist der Kern seiner Arbeit. Oft wurde ihm von der Kritik vorgeworfen, seine Erzählmuster seien konventionell, seine Technik manchmal unbeholfen. Doch Literatur, so forderte Böll, müsse auch einem breiten Publikum zugänglich und verständlich sein; Ästhetizismus und Avantgardismus waren seine Sache nicht. So trug er mit seinen Werken, die in viele Sprachen übersetzt wurden, entscheidend dazu bei, dass das im Ausland lange fortlebende Bild des „hässlichen Deutschen“ revidiert wurde.

1983 wurde er zum Professor ernannt und erhielt die Ehrenbürgerwürde der Stadt Köln. Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 nach langer Krankheit in Langenbroich. Sicherlich hätte er, der in den 70er Jahren Rupert Neudecks Initiative zur Rettung der vietnamesischen boat people unterstützte, in der aktuellen Flüchtlingsdebatte vehement an unsere Verantwortung appelliert. Denn: „Es gibt nichts, was uns nichts angeht“.

Abschluss der Jahresgruppe 2017/2018 am 22. Januar

Am 22. Januar feierten Teilnehmerinnen und Dozentinnen gemeinsam den erfolgreichen Abschluss des Akademischen Jahres 2017/2018. Zunächst trugen die Teilnehmerinnen die Ergebnisse des diesjährigen Kreativprojekts vor: In einer mehrteiligen Schreibwerkstatt unter dem Motto „Die Vier Elemente“ sind Texte und Bilder entstanden, die das Thema – je nach Temperament und Stimmungslage – variantenreich und individuell umkreisen.

Nach der feierlichen Übergabe der Zertifikate an die Teilnehmerinnen erhielten die Dozentinnen ihrerseits ein blumiges Dankeschön mit je einem Gutschein für das traditionell selbst gestaltete Jahresheft 2017/2018 (s. Foto).

Ein gemeinsames Mittagessen im Hotel Schweizer Hof rundete den gelungenen Vormittag ab.

Wir bedanken uns herzlich bei unseren Teilnehmerinnen und freuen uns auf die gemeinsame Zeit im Jubiläumsjahr  2018/2019 der Akademie!

Künstlergruppe HAI zu Gast bei L&L

Seit gestern bereichert eine Auswahl farbintensiver Gemälde der Ateliergemeinschaft HAI die Räume der Akademie Literatur&Leben. Wir danken den Künstlern Hanne Gros, Andrea Zander und Ingo Schinowski (www.atelier-hai.de) für die Leihgaben und freuen uns auf eine festliche Vernissage am 2. Dezember 2017, zu der wir noch gesondert einladen. Save the date!

Lily Braun (1865-1916)

„Aus der Sklaverei zur Freiheit“

Sie kämpfte für das Recht der Frauen auf Arbeit und propagierte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Lily Braun. Am 9. August 1916 starb die Schriftstellerin, Sozialdemokratin und bedeutende Vordenkerin der Frauenbewegung in Kleinmachnow bei Berlin.

Eine Kindheit wie im Märchen? Amalie „Lily“ Braun wird am 2. Juli 1865 als älteste Tochter des preußischen Generals Hans von Kretschmann in Halberstadt geboren. Die Familie verkehrt in höfischen Kreisen; Prinzen und Prinzessinnen sind Lilys Spielkameraden. Später ist die hübsche junge Frau umschwärmter Mittelpunkt auf Bällen und anderen Vergnügungen der adeligen Gesellschaft. Französische Verwandte besitzen im Elsaß eine imposante Ritterburg. Dort genießt Lily in den Ferien das luxuriöse Leben der preußischen High Society. Ihre Großmutter mütterlicherseits, Baronin Jenny von Gustedt (1811-1890), ist die uneheliche Tochter von Jérôme Bonaparte, einem Bruder Napoléons; jeden Donnerstag empfängt sie in ihrem Berliner Salon die Kaiserin zum Tee. Mit der geistig beweglichen alten Dame versteht sich die quirlige und nicht selten aufmüpfige Lily besonders gut. 1908 widmet ihr die mittlerweile zur Schriftstellerin avancierte Enkelin das sentimental-kitschige Erinnerungsbuch „Im Schatten der Titanen“.

Jenny von Gustedt ist es auch, die ihre Enkelin immer wieder dazu ermutigt, ihren unkonventionellen Weg weiter zu verfolgen. Über ihre Kindheit schreibt Lily Braun: „Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen, schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen, deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand entgegensetzte.“ Damit steht Lily im Konflikt mit den Prinzipien der adeligen und bürgerlichen Mädchenerziehung ihrer Zeit, die sich um Pflichtbewusstsein, Gottesfurcht, Disziplin und Gehorsam dreht. Von Privatlehrern vermittelt, hat eine solide Bildung lediglich den Zweck, den ‚Verkaufswert‘ einer junger Mädchen zu erhöhen und ihnen zu einer standesgemäßen Ehe zu verhelfen. Doch das ist nicht das Schicksal, das Lily von Kretschmann für sich selbst vorgesehen hat. Sie beginnt, sich mit Eltern und Pastoren über Sinn und Zweck kirchlicher Lehrsätze zu streiten und prangert das ungeschriebene Gesetz an, nach dem es für eine ‚höhere Tochter‘ unschicklich sei, einen Beruf zu ergreifen. Zum Nichtstun verurteilt, erkennt sie hellsichtig: „Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an Geist und Körper, leistungsfähiger vielleicht als viele, und ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt.“

Als ihr Vater 1889 seine Stellung am kaiserlichen Hof verliert, muss Lily plötzlich für sich selbst sorgen. Sie verlässt ihr erzkonservatives Elternhaus und heiratet 1893 den Philosophieprofessor Georg von Gizycki, der den Sozialdemokraten nahesteht. Durch ihn wird Lily mit der sozialen Frage und dem Elend der Industriearbeiter konfrontiert. Auch mit den Themen der Frauenbewegung setzt sie sich mehr und mehr auseinander. Sie wird Autorin der Zeitschrift  „Frauenbewegung“ und Mitglied im Vorstand des Vereins „Frauenwohl“. Lily Braun vertritt die Überzeugung, dass das Recht auf Arbeit entscheidend zur Emanzipation der Frau beiträgt. „Allein die Entwicklung der Frauenarbeit kann die Frauen aus der Sklaverei zur Freiheit emporführen“, schreibt sie. Dies gilt auch für den privaten Bereich: „Die ökonomische Selbständigkeit des Weibes ist die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung der Geschlechter, sie hilft so manche andere Klippe der Ehe umschiffen.“

Georg von Gizycki stirbt im März 1895. Lilys zweiter Mann ist der sozialdemokratische Publizist, Politiker und Reichstagsabgeordnete Heinrich Braun. Sie heiratet ihn 1896 und bekommt im Juni 1897 von ihm den Sohn Otto. Lily Brauns Eintreten für sozialdemokratische Ideale – für ihre erzkonservative Familie ein Übertritt ins Lager der Feinde! 1901 erscheint ihr Buch „Die Frauenfrage“. Es greift Themen auf, wie sie auch heute noch heiß diskutiert werden: Recht der Frau auf Arbeit, Doppelbelastung durch Mutterschaft und Erwerbstätigkeit, Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesmaß, neue Formen des Zusammenlebens (Zentralküchen im sogenannten „Einküchenhaus“; Kinderkrippen), politisches und gewerkschaftliches Engagement von Frauen, Minderqualifikation von Frauen und Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, unzulängliche Ausgestaltung der Versicherung für Wöchnerinnen sowie Unzulänglichkeit des Sozialversicherungswesens, das ganze Bereiche der Frauenarbeit wie häuslicher Dienst, Heimarbeit und Landarbeit ausschloss. Das Buch fand ein geteiltes Echo. Man warf Lily Braun fälschlicherweise vor, sie propagiere die Auflösung der Familie. Tatsächlich versuchte sie, zwischen den gemäßigten Forderungen der bürgerlichen und den radikalen Ansichten der sozialistischen Frauenbewegung zu vermitteln – und wurde dafür von beiden Seiten scharf kritisiert. Den einen zu radikal, den anderen zu gemäßigt, warf man ihr aufgrund ihrer adeligen Abstammung mangelnde Glaubwürdigkeit vor. Zwischen Lily Braun und der exponiertesten Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung, Clara Zetkin (1857-1933), kam es zu einem zermürbenden persönlichen und politischen Machtkampf.

Lily Braun nimmt weiter an Parteitagen und Frauenkonferenzen teil und unterstützt die SPD in Wahlkämpfen, doch das Schreiben wird immer bedeutsamer in ihrem Leben – und macht sie finanziell unabhängig. Mit ihrem Buch „Memoiren einer Sozialistin“, einer Mischung aus Liebesgeschichten und politischen Bekenntnissen, schreibt sie in den Jahren 1909 bis 1911 einen Bestseller, der noch heute fasziniert. Darin heißt es: „Gleiche Rechte für alle: Männer und Frauen; Freiheit der Überzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Völker; Kunst, Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht für Alle; freie Entwicklung der Persönlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste, der Rasse, des Geschlechts, des Vermögens: wie konnte irgend jemand, der auch nur über seine nächsten vier Wände hinausdachte, sich der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschließen?!“ Lily Braun unterstützte die Kriegspolitik des Kaiserreichs vorbehaltlos. Am 9. August 1916 starb sie in Kleinmachnow infolge eines Schlaganfalles im Alter von 51 Jahren. Ihr einziger Sohn, der talentierte Lyriker Otto Braun, hatte sich bei Kriegsbeginn freiwillig zur Armee gemeldet und fiel im April 1918 an der Somme.

 

 

Die Kleider meines Lebens

Erzählungen von Margaret Atwood
bis Virginia Woolf

Kleider, gefüttert mit Erinnerungen und Gefühlen, scheinen vieles zu verhüllen, aber sie verraten auch viel. Endlich das passende Kleid finden; das mütterliche Wunschprogramm erfüllen; sich verkleiden und jemand anderes sein: männlich, weiblich, verwegen, schön; Kleidung als Versteck oder als expressiver Ausdruck. Kleider mit ihrem Außen- und Innenleben üben auf viele Schriftstellerinnen eine besondere Faszination aus. Annette Hülsenbeck hat zu diesem faszinierenden Thema eine Anthologie herausgebracht, in der berühmte Autorinnen von der Magie der Kleider erzählen und davon, was Kleider aus uns machen – Texte, in denen Kleidung zu einer Art stofflichem Double der Figuren wird. „Wenn ich von meinen Kleidern schreibe, schreibe ich von meinem Leben…“ Dieser Gedanke eröffnet eine Passage zwischen Schreiben, Lesen und den Lebenserfahrungen der LeserInnen.

Annette Hülsenbeck (Hg.):
Die Kleider meines Lebens , Berlin (ebersbach & simon)  2017

Abschluss der Jahresgruppen 2016/2017 am 20. Januar 2017

Mit überaus fantasievollen, engagierten und gut ausgearbeiteten Beiträgen zum diesjährigen Kreativprojekt überraschten uns unsere Teilnehmerinnen während der Abschlussveranstaltung zum aktuellen Akademischen Jahr 2016/2017. Unter dem Motto „Wenn Du geredet hättest …“ kamen ganz unterschiedliche Charaktere aus Shakespere-Stücken zu Wort, die endlich das aussprachen, was sie schon immer einmal sagen wollten. Dokumentiert sind die entstandenen Texte in einer wunderschön gestalteten Broschüre, die zudem einen ausführlichen Überblick über die beiden behandelten Jahresthemen bietet.

Im Anschluss an die Vergabe der Zertifikate an die Teilnehmerinnen gaben Christina Rohwetter und Sabine Göttel einen Einblick in die geplanten Jahresthemen 2017/2018 . Das Jahr klang schließlich mit einem gewohnt gut organisierten, köstlichen Abendessen im Hotel Schweizer Hof aus.

Allen TeilnehmerInnen der Montags- und der Dienstagsgruppe herzlichen Dank für die wunderschöne gemeinsame Zeit, die Einladung zum Essen und die netten Geschenke! Auf ein neues, inspirationsreiches Akademisches Jahr 2017/2018!

Fotos: Ursula Metzenheim

Johanna Schopenhauer (1766 – 1838)

Gehorsames Herzenskind

Johanna Schopenhauer, Mutter des berühmten Philosophen Arthur Schopenhauer, war bereits zu Lebzeiten eine gefeierte Schriftstellerin und Dame der Gesellschaft. In ihrem Weimarer Salon war auch Goethe gern zu Gast. Vor 250 Jahren, am 9. Juli 1766, wurde sie in Danzig geboren.

Als die bereits an den Rollstuhl gefesselte Johanna Schopenhauer mit über 70 Jahren die Geschichte ihres Lebens aufschreibt, möchte sie vor allen Dingen eines nicht: Sie möchte ihre Leser nicht langweilen. Das Erzählen, schreibt sie – und denkt vielleicht an den noch nicht lange verstorbenen Gast ihres Weimarer Salons, den Geheimrat Goethe – ist die beste Altersunterhaltung. Ihr ist wichtig, dass das Rein-Persönliche hinter das beabsichtigte „Sittengemälde meiner Zeit“ – wie sie sagt – zurück tritt. Und sie beteuert: „Mit meinen Herzensangelegenheiten will ich die Welt ganz verschonen“.

Herzensangelegenheiten“ in Hülle und Fülle hat Johanna bereits in ihre viel gelesenen Entsagungsromane gepackt. Diese handeln von reichlich exzentrischen weiblichen Gefühlen – wie der Roman „Gabriele“ aus dem Jahr 1820. Die Autorin selbst aber möchte weder als kühl-gelehrtes noch als exzentrisch-poetisierendes, sondern als ein ganz normales junges Mädchen gesehen werden. Als gelehrter Blaustrumpf jedenfalls will die Berufsschriftstellerin und Freundin berühmter Persönlichkeiten auch nach vielen literarischen und kulturhistorischen Veröffentlichungen auf keinen Fall gelten. Sie sei vielmehr „eine heitre, anspruchslose alte Frau, der man im geselligen Umgange die Schriftstellerin gar nicht anmerkt“. Und darauf, so schreibt sie weiter, „bilde ich mir etwas ein“.

In ihrer Autobiografie „Jugendleben und Wanderbilder“ (1839) zeichnet Johanna Schopenhauer ein ungetrübtes Bild ihrer frühen Kindheit. Doch auch sie erlebt Dinge, die die Sicht des Mädchens auf ihr Leben entscheidend verändern: In ihrer Geburtsstadt Danzig wird die kleine Jeanette (eigentlich Johanna Henriette) Trosiener Augenzeugin von Lynchjustiz, Spießrutenlaufen und Verhaftungen und sieht sich zum ersten Mal mit existentieller Angst konfrontiert. Ihre republikanische Gesinnung, ihre Weltoffenheit und Toleranz, so betont sie, stammen aus der Zeit ihrer Kindheit, die sie in der multikulturellen pommerschen Stadt an der Ostsee verbringt. Dazu liest Johanna heimlich die ihr streng verbotenen alten Griechen und Römer. Hebt Johanna im Alter auch immer wieder hervor, welch unspektakuläre Frau sie sei, so verzichtet sie jedoch nicht darauf, die kleine Jeanette als etwas ganz besonderes hervorzuheben. Jeanette ist nicht nur die Lieblingsschülerin aller Lehrer in den Danziger Schulen, sondern auch das ‚Herzenskind’ ihres Privatlehrers Jameson. Als Erwachsene avanciert sie zur favorisierten Gesprächspartnerin berühmter Männer und ist ein eloquenter und gern gesehener Gast in fremden Ländern, die sie in Begleitung ihres Ehemannes, eines begüterten Danziger Geschäftsmannes, bereist.

Doch Johanna sieht sich auch mit größeren Enttäuschungen konfrontiert. Ihre unglückliche erste Liebe erwähnt sie nur am Rande. Ausführlich dagegen erzählt sie von ihrem Herzenswunsch, Malerin zu werden. Der Vater reagiert spöttisch und streng auf das für eine Tochter der besseren Gesellschaft unmögliche Ansinnen. Johanna: „Und noch jetzt nach mehr als sechzig Jahren, verweile ich ungern bei der Erinnerung, wie unbarmherzig er meinen kindisch-abgeschmackten Einfall, wie er ihn nannte, verlachte.“

Trost sucht die Zehnjährige – ganz Republikanerin und Tochter des aufgeklärten Zeitalters – in vernünftigen Gedanken, mit denen sie ihre Verletzung überspielen will: Der „Geist der Zeit“ war eben gegen solche hochfliegenden Frauenträume. Die vernünftige Jeanette ergibt sich dem Schicksal der höheren Tochter. Doch ihren Traum hat sie, so scheint es, niemals ganz aufgegeben: Sie wird später kunsthistorische Schriften verfassen und ihre Lebensgeschichte mit bildhaften Beschreibungen aus dem Bereich der Malerei ausstatten. Weil lockere Unterhaltung ihr oberstes Gebot ist, zeigt sich Frau Schopenhauer „im ganzen wohl zufrieden“ und behält im Alter trotz allem „ein wunderbar weiches, aus Freude und Leid zusammengesetztes Gefühl“ zurück.

Gehorsames Herzenskind bleibt Johanna auch in der Vernunftehe mit dem 20 Jahre älteren Patrizier Heinrich Floris Schopenhauer. Die durch ihre Heirat erzwungene „gänzliche Umwandlung (ihrer) gewohnten Existenz“ – sprich: die Einsamkeit und Einförmigkeit ihres Lebens als Ehefrau – meistert sie angeblich durch „guten Willen“, „Jugendmut“ und „Mutterwitz“. Doch ihre Romane sprechen eine andere Sprache. Sie erzählen von tragischen Heldinnen, die auf ihre wahre Liebe verzichten und in unglücklichen Konvenienzehen lieblosen, tyrannischen Gatten ausgeliefert sind – ein Schicksal, mit dem sie sich demütig abfinden.

Johanna Schopenhauer bemühte sich sehr, eine vorbildliche, gebildete, aber nicht ‚gelehrte# Bürgersfrau zu werden. Ihre Leben war von strengen Normen geprägt, die sie nicht in Frage stellte. Nicht eigentlich emanzipiert, wurde sie dennoch zu einer Pionierin auf dem Gebiet weiblichen autobiografischen Schreibens. Vor ihr haben Frauen nur sehr selten über ihr Leben berichtet, während sich bereits zahlreiche Männer in ihren Memoiren selbstbewusst ein Denkmal gesetzt hatten. Einer davon ist Johannas verehrtes Vorbild Johann Wolfgang Goethe, der mit „Dichtung und Wahrheit“ die Vorgabe für eine ganze Epoche bürgerlicher Lebensbeschreibungen lieferte. Johanna Schopenhauer starb am 16. April 1838 in Jena, wohin sie, krank, verarmt und ausgestattet mit einer Ehrenpension des Weimarer Herzogs Karl Friedrich, im Jahr vorher mit ihrer Tochter Adele gezogen war. Auch Adele wurde Schriftstellerin, konnte sich im Bewusstsein der literarischen Welt jedoch nicht neben ihrer glamourösen Mutter und dem Ruhm ihres Philosophen-Bruders Arthur behaupten.