Archiv Literatur & Leben

Jahresgruppen 2015/2016

Jahresthema I (Christina Rohwetter)
Literatur und Reise

„Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was verzählen“, dichtete Matthias Claudius. Und so gehört die literarische Darstellung von realen und fiktiven Reisen zu den ältesten Gattungen der abendländischen Literatur; man denke nur an Homers Odyssee, die Urform einer Erzählung über eine Abenteuerreise. Neben dem Abenteuer als Anlass für eine Reise gibt es natürlich noch unzählige andere Motive, Formen und Funktionen des Reisens, die wiederum zu verschiedenen literarischen Darstellungsweisen des Reisens führen.
Diese Verbindung von Reisetypus und literarischer Gattung  wird uns im ersten Trimester beschäftigen.  Anhand einer Lektüre und Analyse deutschsprachiger Klassiker der Reiseliteratur vom 18. bis 20. Jahrhundert (Eichendorff, Goethe, Wolfgang Koeppen) werden wir fragen, welchen Bedeutungswandel das Reisen erfahren hat und wie  Fremd- und Selbsterfahrung auf Reisen in den verschiedenen Epochen und Texten erlebt und literarisch gestaltet werden.
Das zweite Trimester  steht ganz im Zeichen unserer Reise ins Havelland. Im ersten Trimester haben wir literarische  Darstellungsweisen von Reiseerfahrungen kennengelernt, nun werden wir selber reisen und schreiben:  also beide „Lebensakte“ mteinander verbinden – auf der Reise selbst, zum Beispiel in Form eines Reisetagebuchs, und nach der Rückkehr in der Schreibwerkstatt der Akademie.
Im dritten Trimester weiten wir unseren Blick auf die zeitgenössische Reiseliteratur,  fragen nach dem Verhältnis von Reisen und Massentourismus (der allerdings schon von Fontane beklagt wurde) und welche Funktion und welches  ästhetisches Potential einer Reiseliteratur im Informationszeitalter innewohnen.

Reader Literatur & Reise  für das 1. Trimester

Jahresthema II (Dr. Sabine Göttel)
„Ein zu weites Feld“? Theodor Fontane und seine Zeit

Theodor Fontane (1819-1898) ist vor allem als Erzähler des Realismus bekannt. Er war bereits in fortgeschrittenem Alter, als ihn seine Romane – darunter „Effi Briest“, „Unwiederbringlich“ und „Der „Stechlin“ – berühmt machten. Doch der gelernte Apotheker war auch ein begabter Lyriker und Reiseschriftsteller, ein umtriebiger Journalist und scharfer Satiriker des Ehelebens. In seinen Gedichten, Reisefeuilletons und Theaterkritiken kritisiert der unruhige Geist und schwankende Demokrat die Ellbogenmentalität und Großspurigkeit seiner Epoche – einer Zeit zwischen Tradition und Moderne. Er tat dies bestechend klar – und, aus heutiger Perspektive betrachtet, mit geradezu prophetischer Hellsicht.

Das Akademische Jahr 2015-2016 ist dem vielseitigen Werk und der widersprüchlichen Persönlichkeit Theodor Fontanes gewidmet – einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller überhaupt. Im Mittelpunkt des ersten Trimesters steht Theodor Fontane als Reiseschriftsteller. In den Jahrzehnten, in denen Fontane die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schrieb, entwickelte er seine Kunst der Detailbeschreibung zur Vollkommenheit. Auch schuf er einen umfangreichen Materialfundus, aus dem er später als Romancier schöpfen konnte. Fontane: „Schloß-, Park- und Landschaftsbeschreibungen, Historisches, Anekdotisches, Familienkram und Spukgeschichten. Mehr kann man am Ende nicht verlangen.“ Auf den Spuren des Dichters unternehmen wir im August eine dreitägige Exkursion ins Havelland und lernen Fontane darüber hinaus als versierten Journalisten und Theaterkritiker kennen.

Im zweiten und dritten Trimester erkunden wir Fontanes lyrisches Werk, das von ausdrucksstarken Balladen wie „Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ über Erzählgedichte wie „Fritz Katzfuß“ bis hin zu den hinreißenden  Alltagsgedichten seiner Spätphase reicht. Außerdem widmen wir uns ausgewählten Romanen des Alterswerks. Am Beispiel von „Frau Jenny Treibel“ und „Effi Briest“ wird deutlich, dass Fontane in den Herausforderungen seiner Zeit, des ausgehenden 19. Jahrhunderts, durchaus humoristische und tragikomische Züge entdeckte.

Lektürehinweise

Theodor Fontane: Gedichte
Herausgegeben von Karl Richter
Reclam Verlag, ISBN: 978-3-15-006956-1
5,00 €

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg 02
Zweiter Teil: Das Oderland
Dritter Teil:  Havelland
Aufbau Taschenbuch, Berlin 2012
ISBN 3-7466-2847-4
14,99 €

Theodor Fontane: Effi Briest
Reclam Verlag, ISBN: 978-3-15-006961-5
4,60 €

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel oder
„Wo sich Herz zum Herzen find´t“

Reclam Verlag, ISBN: 978-3-15-007635-4
4,60 €

Jahresgruppen 2014/2015

Jahresthema I (Christina Rohwetter)
Nachtseiten der Literatur: Herkunft, Wandlung und Wirkung
unserer Vorstellungen vom Bösen

Das so genannte Böse gibt uns seit jeher unlösbare Rätsel auf: Wie ist es in die Welt gekommen? Wie und womit identifizieren wir es? Gibt es das Böse an sich oder ist es nur vorstellbar in der Gegnerschaft zum Guten? Bedingt es gar die Erkenntnisfähigkeit und Freiheit des Menschen? Das Böse entzieht sich offenbar dem kognitiven Zugriff. Und genau hier schlägt die Stunde der Literatur: Sie erfasst das Phänomen in der literarischen Imagination und durch die ästhetische Gestaltung. Bis heute ist das Böse für die Literatur ein faszinierendes Objekt lustvoller Inszenierungen!
In diesem Jahr beschäftigen wir uns mit der Herkunft, den Wandlungen und Wirkungen unserer Vorstellungen vom Bösen. Unser Streifzug durch die Nachtseiten der Literatur beginnt im 1. Trimester bei der christlich-mythologischen Tradition und führt uns weiter durch Mittelalter, Aufklärung, Romantik und Moderne. Hier bilden mythologische und philosophische Annäherungen an das Phänomen des Bösen den Schwerpunkt. Im 2. Trimester verlagern wir das Gewicht auf die literarische Erzählung, auf Dichtung und Drama, um den vielfältigen Darstellungsweisen des Bösen in der Literatur nachzuforschen. Das 3. Trimester schließlich dient der Erkundung unserer Gegenwart: Welche Erscheinungsformen von Gut und Böse begegnen uns heute – in Geschichte, Gesellschaft, Familie, Politik und Kunst? Hierzu sind Kreativprojekte der Teilnehmenden geplant.

Reader für das 1. Trimester

Zur Einführung in das 2. Trimester: Scheffer_Das-Gute-am-Bösen

Jahresthema II (Dr. Sabine Göttel)
Hannover – Literarische Annäherungen an eine Stadt
Hannover braucht sich in puncto Geistesgrößen-Dichte nicht zu verstecken: „Hier, im Großen Garten von Hannover-Herrenhausen“, schreibt Peter Struck, „prägte Leibniz den Gedanken von der besten aller möglichen Welten, hier führte Gottfried Benn als Sanitätsoffizier ein Doppelleben und schrieb einige seiner schönsten Gedichte, hier baute Rudolf Augstein in einem winzigen Zimmer im sechsten Stock des Anzeiger Hochhauses das Magazin Der Spiegel auf.“ Wussten Sie, dass der große Frank Wedekind in der Roscherstraße 12, dem Sitz unserer Akademie, sein 6. bis 9. Lebensjahr verbracht hat?

Im Akademischen Jahr 2014/2015 nähern wir uns unserer Stadt über berühmte Literaten und ihre Werke. Unsere Absicht ist dabei nicht, uns ein möglichst vollständiges Verzeichnis derjenigen Dichter und Denker zu erarbeiten, die jemals in Hannover gelebt und gewirkt haben. Vielmehr interessieren uns Texte, die uns das Verhältnis von Literatur und Leben auf ihre ganz persönliche Art und Weise nahebringen:

  • Wir lernen eine Auswahl von Autoren vom 18. bis ins 21. Jahrhundert kennen, die den Genius loci, den Geist und die Atmosphäre des Ortes, in ganz unterschiedlicher Form in ihren literarischen Werken einfangen;
  • wir betrachten den literaturgeschichtlichen und soziokulturellen Kontext des jeweiligen Textes;
  • wir lernen die verschiedenen literarischen Genres kennen, die die Autoren für die Auseinandersetzung mit Ihrer Epoche und der Stadt, in der sie leben, wählten (Psychologischer Roman, Drama, Parodie, Unterhaltungsroman, Erzählung, Lyrik, Kriminalroman).

Im Kreativteil des Seminars haben die Teilnehmerinnen unter dem Motto „Genius loci: Mein Hannover“ die Gelegenheit, sich ihrer Stadt persönlich und aus eigener Perspektive zu nähern. Ausgehend vom eigenen Lieblingsort in Hannover und der Region entstehen Texte und Projekte, die dazu anregen, das Selbstverständliche und Gewohnte neu zu sehen.

  • Karl Philipp Moritz (1756-1793): „Anton Reiser“
  • Julie Schrader (1881-1939): „Genoveva/Der Cassernower. Zwei wirklich große hannöversche Dramen“
  • Vicki Baum (1888-1960): „Kein Platz für Tränen“ und „Menschen im Hotel“
  • Gottfried Benn (1886-1956): „Gedichte“ und „Weinhaus Wolf“
  • Susanne Mischke (geb. 1960): „Tod an der Leine“

Hannover – Lektüreplan und Informationen

 

     

 

     

Jahresgruppen 2013/2014

Christina Rohwetter
Das Buch der Bücher
Biblische Erzählungen und ihr Fortleben in Dichtung und Malerei

Die Bibel ist hinsichtlich ihrer Verbreitung und ihres Wirkungsgrades das bedeutendste Buch der Menschheit. Christen, Juden und Moslems sind von ihr geprägt. Als Weisheitslehre führt sie die Weltdeutungen der jüdischen und der griechischen Kultur zusammen. Darüberhinaus hat sie tiefe Spuren in zahlreichen Werken der Literatur- und Kulturgeschichte hinterlassen, und bis heute leben die biblischen Erzählungen und Figuren in Kunst und Dichtung fort.

In diesem Jahr stehen ausgewählte Erzählungen des Alten und Neuen Testaments auf dem Programm. Wir werden fragen, in welcher Weise Form und Sprache die besondere ästhetische Wirkung und religiöse Botschaft hervorbringen. Dabei werden wir auch die Übersetzungsthematik miteinbeziehen. Außerdem interessiert uns, wie sich die biblischen Texte hinsichtlich des Gottes- und Menschenbildes von den Erzählungen des griechischen Mythos unterscheiden.

Schließlich werden wir uns mit literarischen und künstlerischen Bearbeitungen großer Bibelstoffe vom Mittelalter bis in die Moderne beschäftigen (u. a. Dante, Hans Sachs, J. –W. Goethe, Heinrich Heine, Joseph Roth, Thomas Mann, Gottfried Benn).

 

Dr. Sabine Göttel
Frauengeschichte(n)
Autobiografien aus fünf Jahrhunderten

Sechs Frauen erzählen ihr Leben und (er)finden sich und ihre Geschichte neu. Sie blicken auf ein Leben zurück, das einerseits als Teil der Frauengeschichte historisch geworden ist, andererseits im Vorgang des Schreibens veränderbar, interpretierbar wird. – In diesem Seminar geht es um ein ganz besonderes Verhältnis zwischen Leben und Literatur. Es geht um Frauen, die in der von Männern dominierten Literatur und Geschichte mithilfe des Schreibens lernen, „Ich“ zu sagen. Und es geht um die Brüche und Widersprüche, die sich daraus für das Selbstbild der Frauen ergeben. Die Autobiografien enthalten eine Fülle von Geschichten und Anekdoten über Unterwerfung und Emanzipation. Sie erzählen auch etwas über die Zeit, in der sie geschrieben wurden. Das Seminar verbindet eine detailreiche Textanalyse vor dem Hintergrund der Autobiografieforschung mit Daten und Fakten zur Literatur- und Sozialgeschichte der Frauen vom 17. bis ins 21. Jahrhundert.

Die Memoiren der Glückel von Hameln (1646-1724)
CMargarethe E. Milow (1748-1793): Ich will aber nicht murren. Lebenserinnerungen.
Fanny Lewald (1811-1889): Meine Lebensgeschichte
Ricarda Huch (1864-1947): Erinnerungen an das eigene Leben
Hildegard Knef (1925-2002): Der geschenkte Gaul.
Renan Demirkan (geb. 1955): Septembertee oder
Das geliehene Leben

Jahresgruppen 2012/2013

Dr. Sabine Göttel
„In höhere Regionen“
Goethes Spätwerk

Mit Johann Wolfgang Goethe durch das Akademische Jahr: In jedem Trimester steht ein Schlüsselwerk aus dem späten Schaffen des wirkungsmächtigsten deutschen Klassikers im Mittelpunkt unserer literaturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Analysen.

Den Anfang macht im ersten Trimester der Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Darin überträgt Goethe das Prinzip von Anziehung und Abstoßung chemischer Stoffe auf eine Konstellation von Männern und Frauen, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit konfrontiert sehen. Im produktiven Wettstreit zweier Dichter überbrückt Goethe im Gedichtzylus „West-östlicher Divan“ mentalitätsgeschichtliche und historische Differenzen zwischen Orient und Okzident durch Gespräch und Freundschaft – ein hochaktuelles Thema, dem wir uns im zweiten Trimester widmen. Und im dritten Trimester schließlich stehen Ausschnitte aus der autobiografischen Schrift „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ im Zentrum. Dieser literarisch bearbeitete Bericht Goethes über seine frühe Lebensphase (1749-1775) gilt nicht nur als „großer deutscher Roman“ (Richard Friedenthal), sondern hält darüber hinaus vielerlei Erkenntnisse über das 18. Jahrhundert und die Natur autobiografischen Schreibens bereit. Ein Blick auf die amtlichen und naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, wie etwa die Farbenlehre, runden den Streifzug durch Goethes Spätwerk ab.

 

Christina Rohwetter
Die Weisheit der Mythen in Dichtung, Philosophie und Astrologie

Die antiken Mythen enthalten noch viel mehr als spannende Geschichten von fiktiven Göttern und Helden, denn in ihnen geht es auch immer um die Ordnung des Kosmos und um den Platz des Menschen darin. Den Erzählungen von Ödipus und Antigone, den Irrfahrten des Odysseus und dem Schicksal des Herakles wohnt eine zeitlose Weisheit inne, die auch oder vielleicht gerade dem modernen Menschen tiefe Einblicke in die elementaren Dinge des Daseins ermöglicht. Diese Weisheit der Mythen findet ihren Niederschlag auch in der Astrologie, die vor 5000 Jahren als ein symbolisches System zur Deutung des harmonischen Zusammenwirkens von Himmel, Erde und Mensch entstanden ist.

Wir beschäftigen uns in diesem Jahr mit Begriff und Wirkung des Mythos, wir lernen durch die Lektüre von Homers Odyssee eine der ältesten Quellen der griechischen Mythologie kennen und versuchen, ausgehend vom Fundament der vorsokratischen Philosophie und der astrologischen Lehre, die Weisheit der antiken Mythen zu verstehen und auf unsere persönliche und gesellschaftliche Lebenswirklichkeit zu beziehen. Der Frage, auf welche Weise der Mythos als ein »Gefühl in Bild gewandelt« (Ernst Cassirer) bis heute die menschliche Imagination und das künstlerische Schaffen inspiriert, werden wir schließlich am Beispiel des gerade erschienen Romans von Sibylle Lewitscharoff »Blumenberg« nachgehen.

Jahresgruppen  2011/2012

Christina Rohwetter

Worpswede und Paris

Zwei künstlerische Zentren zur Zeit der Jahrhundertwende, wie sie verschiedener nicht sein können: Worpswede und Paris. Und doch gibt es zahlreiche Verbindungen, die damals von Worpswede nach Paris und in umgekehrter Richtung durch das künstlerische Schaffen und die Paris-Reisen der ersten Generation der niedersächsischen Künstlerkolonie geknüpft worden sind. Auf diese Zeit und auf diese künstlerischen Verbindungen werden wir unser Hauptaugenmerk richten. Welches Kunstverständnis kommt in den Werken einer Paula Modersohn-Becker, eines Heinrich Vogelers, einer Clara Westhoff zum Ausdruck? Welche Rolle spielt dabei die Worpsweder Landschaft und das Leben in der Abgeschiedenheit? Und wie beeinflussen die Maler und Dichter der so genannten Pariser Avantgarde die ästhetischen Positionen und die künstlerische Praxis nicht nur der „hauptansässigen“ Worpsweder, sondern auch des Dichters Rainer Maria Rilke, für den Worpswede zwar nur eine kurze, aber dennoch sehr wichtige Episode darstellte? Tatsächlich erfährt Rilkes Kunstprogramm nicht nur durch die Auseinandersetzung mit Cézanne und Rodin und durch das Erleben der Metropole Paris eine nachhaltige Veränderung. Vielmehr begründet gerade die Worpsweder Erfahrung wesentliche Aspekte seiner Kunstlehre und seines dichterischen Werkes.

Grundlagen-Trimester
„und in der Ferne leuchtet Paris“
Die Künstlerkolonie Worpswede und der Einfluss der Pariser Avantgarde
Grundlagen-Text: Rainer Maria Rilke, Worpswede

Kreativ-Trimester
Paula Modersohn-Becker, Clara Westhoff, Heinrich Vogeler & Co.
Worpsweder Künstler und ihre Werke
Exkursion nach Worpswede mit Teilnehmer-Beiträgen

Vertiefungs-Trimester
und hinter tausend Stäben keine Welt“
Rainer Maria Rilke: Worpswede – Paris
Texte: Buch der Bilder, Neue Gedichte, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

 

Dr. Sabine Göttel
Das Wunderbare im Märchen

Der Begriff „Märchen“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch oft dazu verwendet, bestimmte Sachverhalte als unwahr oder erlogen, zumindest aber erfunden zu charakterisieren. Märchen bewahren aber uralte und bis in die heutige Zeit wirkende Sinn-Bilder. Wie jede große Kunst sind sie deshalb a priori „wahr“. Wie diese verweisen sie auf grundsätzliche Situationen und Konflikte im menschlichen Leben. Ängste und Krisen waren immer der Stoff, aus dem die Künste sind. Ähnlich wie im Traum rekonstruiert der Märchenheld in seiner Funktion als Protagonist seelischer Vorgänge vielfältige Beziehungen zur Realität, indem er in seiner Märchenwelt das tut, was er tun muss. Mit anderen Worten: Die Märchenwelt ist nicht wirklich, sondern wesentlich.

Volks- und Kunstmärchen für persönliche Reifungsprozesse und in der Folge für die Entwicklung eigener Kreativität zu nutzen, ist eine naheliegende Option: Durch sie finden wir Zugang zu Möglichkeiten, die Welt und uns selbst zu gestalten. Das Märchen ist der Königsweg zur eigenen Geschichte. Märchen lösen Lebenskrisen. Daher werden sie seit Jahrzehnten auch erfolgreich in der Heiltherapie eingesetzt. – In diesem akademischen Jahr beschäftigen wir uns mit Geschichte, Struktur und Deutung der Gattung „Märchen“ (1. Trimester), werden selbst als Märchenerzählerinnen und –erfinderinnen kreativ und schreiben ein Märchenbuch (2. Trimester), bevor wir Märchen in der Literatur aufstöbern (E.T.A. Hoffmann: Der goldne Topf; Heinrich von Kleist: Käthchen von Heilbronn; 3. Trimester). Indem wir in die wunderbare Welt des Märchens eintauchen, lernen wir einen grundlegenden Aspekt der Beziehung zwischen Literatur und Leben auf „wunderbare“ Weise kennen.

Jahresgruppen 2010/2011

Christina Rohwetter
Im Labyrinth der Zeichen
Umberto Ecos Roman Der Name der Rose als offenes Kunstwerk

1980 debütierte Umberto Eco, der bekannte italienische Philosoph, Literaturtheoretiker und Professor für Semiotik, als Romancier und erzielte mit seinem aufsehenerregenden Roman Der Name der Rose einen internationalen Erfolg bei Kritik und Publikum. Tatsächlich entzieht sich Ecos Werk jeder eindeutigen Charakterisierung und Interpretation und befriedigt vielleicht gerade dadurch ganz unterschiedliche Leser-Bedürfnisse: Man kann sich von diesem Roman unterhalten oder belehren lassen und ihn als spannende Detektivgeschichte oder als Enzyklopädie des Mittelalters lesen. Man kann ihn aber auch lesen als einen Metatext über das Erzählen, Lesen und Interpretieren. Wir wollen die verschiedenen ineinander verwobenen Schichten des Romans gemeinsam ergründen. In jedem Trimester steht eine andere Lesart von Der Name der Rose im Zentrum, und so entschlüsseln wir nach und nach nicht nur die raffinierte Bauweise des Romans, die zahlreichen historischen, literarischen und politischen Anspielungen, sondern lernen Grundsätzliches über die Kunst des Erzählens und des Interpretierens.

Grundlagen-Trimester
Ein Kriminalroman im Mittelalter: Literatur, Geschichte und Philosophie im 14. Jahrhundert

November 1327. In einer Benediktinerabtei irgendwo im Apennin geschieht eine Serie mysteriöser Morde. Der englische Franziskanerpater William von Baskerville wird gebeten, den Täter zu finden. Er ermittelt vor einem historischen Hintergrund, der uns als Leser tief hineinführt in die politischen und geistesgeschichtlichen Krisen des ausgehenden Mittelalters. Wir folgen diesen Spuren und erkunden dabei eine Zeit richtungsweisender Wandlungen: der Universalienstreit, das Ringen um die Macht zwischen Kaiser und Papst, die Armutsdebatte und Ketzereibewegungen, die Auseinandersetzungen mit der Philosophie des Aristoteles – über diese und andere Phänomene und Ereignisse erschließen wir uns eine aufregende Epoche im Spannungsfeld zwischen christlicher Philosophie und moderner Weltanschauung.

Kreativ-Trimester
Ein Kunstwerk in Bewegung: Lesen, interpretieren, erzählen

„Der Autor müsste das Zeitliche segnen, nachdem er geschrieben hat. Damit er die Eigenbewegungen des Textes nicht stört.“ So äußert sich Umberto Eco in seiner „Nachschrift zum Namen der Rose“ über das Verhältnis zwischen Autor, Text und Leser. Er bezeichnet darüber hinaus den Roman als eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen und den Leser als Mitarbeiter an der Gestaltung von Erzähltexten. Wie ist das zu verstehen? Wir werden uns in diesem Trimester mit Ecos Theorie vom Erzählen und Interpretieren literarischer Texte vertraut machen, indem wir mit ihr unsere eigene Lesart von Der Name der Rose reflektieren und die Kunst des Erzählens mittels eigener Textproduktion erproben.

Vertiefungstrimester
Ein ironisches Spiel mit Zitaten:
Umberto Eco und die Postmoderne

Der Name der Rose ist auch eine Collage aus traditionellen literarischen Stilen und Anspielungen. Handelt es sich hierbei lediglich um eine modisch-eklektische Stilübung oder vielmehr um ein sorgfältig durchdachtes literarisches Konzept? Diese Frage führt uns zu dem umstrittenen Begriff der Postmoderne, der in Abgrenzung zur historischen Moderne und den Avantgardebewegungen einen besonderen Trend der Gegenwartskunst bezeichnet. (Für den deutschsprachigen Roman wird zum Beispiel Patrick Süskinds Das Parfum als postmodernes Werk charakterisiert.) Wir werden Merkmale dieses literarischen Trends untersuchen und uns dabei neben Ecos diesbezüglichen Ausführungen mit einigen kunsttheoretischen und philosophischen Schlüsseltexten der Postmoderne-Diskussion auseinandersetzen.

 

Dr. Sabine Göttel
Die goldenen Zwanziger
Mythos und Wirklichkeit

Die Roaring Twenties gelten als das Herz der Moderne. Von der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gingen im 20. Jahrhundert wichtige Impulse für alle Bereiche der heutigen Kultur und Gesellschaft aus. Das Jahrzehnt des Fortschritts und der Liberalisierung eröffnete vor allem den Frauen bisher unbekannte Möglichkeiten: Neue Rollenbilder entstanden, das Zusammenleben der Geschlechter und die Sexualmoral wurden neu definiert. Auch die Künste verzeichneten einen Aufschwung: Brechts Theatertheorie und die Neue Sachlichkeit revolutionierten die Kunstwelt. Die Geburt der „Medienindustrie“ und der Aufstieg der Psychoanalyse als Breitenphänomen fallen ebenfalls in diese bedeutende Phase unserer Geschichte, die durch den Nationalsozialismus ein jähes Ende fand. – Das Grundlagentrimester vermittelt Ihnen einen Überblick über Kultur und Gesellschaft der Weimarer Republik, bevor Sie im Kreativtrimester Techniken des Projektmanagements kennen lernen und eigene Projekte zu ProtagonistInnen der Neuen Sachlichkeit in Hannover entwickeln. Im Vertiefungstrimester schließlich bearbeiten Sie mit Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ und Erich Kästners „Fabian“ zwei der einflussreichsten Romane dieser aufregenden Jahre zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Jahresgruppen 2009/2010

Dr. Sabine Göttel
„… und kein bisschen weise?“
Bilder vom Älterwerden

1. Trimester
Bilder vom Älterwerden in Dramen des 20. Jahrhunderts

Mit den Mitteln der Dramenanalyse begleiten wir zwei berühmte Dramenfiguren – einen Mann und eine Frau – im sogenannten „zweiten Lebensabschnitt“ und fragen: Wie gehen Kommerzienrat Clausen aus Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang“ (1932) und Claire Zachanassian aus Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ (1956) mit dem Älterwerden um? Bestimmen Resignation, Groll und der Rückblick auf verpasste Chancen ihr Leben? Was heißt es für sie, im Alter glücklich zu sein? Welche dramaturgischen Mittel setzen die Autoren ein, um ihre literarischen Bilder vom Älterwerden wirksam auf die Bühne zu bringen? Und wie verändern sich diese Bilder vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Ereignisse?

2. Trimester
Handwerk oder Hexerei? Wie ein Theaterstück entsteht

Wir haben gelernt, ein Drama zu analysieren. Was aber heißt es, selbst Szenen zu schreiben? Kann man Stückeschreiben lernen? Was braucht ein Theaterstück, um für seine Zuschauer spannend und anregend zu sein? Auf der Grundlage eigener Ideen, Wünsche und Erfahrungen werden wir versuchen, Szenen rund um das Thema Älterwerden zu entwerfen und dadurch die Bedingungen der Entstehung eines Stücks und einer Bühnenaufführung besser kennen zu lernen. Denn neben Dialog, Handlung und Figuren machen das Zusammenwirken aller Kunstformen auf der Bühne und das Theater als kulturelles Gemeinschaftserlebnis den besonderen Reiz der Gattung Drama aus.

3. Trimester
„Botschaften aus dem Niemandsland“?
Bilder vom Älterwerden im zeitgenössischen Theater

Wie haben sich die Vorstellungen vom Älterwerden in der heutigen Zeit gewandelt? In welcher Form finden sie Eingang in das zeitgenössische Theater? Dass immer mehr Menschen immer älter werden, setzt auch in der Kunst neue Energien frei – junge und ältere Autoren beschäftigen sich mit aktuellen Risiken und Chancen des Alter(n)s. Wir lesen, analysieren und sehen die Theaterstücke „Ich bin nur vorübergehend hier“ von Tankred Dorst (83) und „Für alle das Beste“ von Lutz Hübner (45).

Christina Rohwetter

Traum und Poesie

1. Trimester
Der Schlaf der Vernunft

Literatur und Traum im 19. und 20. Jahrhundert

Manchmal scheint es, als wisse die Literatur mehr über den Traum als die Wissenschaft. Oder hat sie nach Sigmund Freuds „Traumdeutung“ (1900) und der Erforschung des menschlichen Gehirns nichts Neues darüber zu erzählen? Wir werden uns in diesem Seminar mit literarischen Traumdarstellungen in Prosa und Lyrik vor und nach Freud beschäftigen. Bei E.T.A. Hoffmann, Ch. Baudelaire, A. Schnitzler, F. Kafka, H. Hesse und anderen werden wir die Beziehungen zwischen Traum und Poesie untersuchen. Wir fragen auch, ob und wie sich Inszenierung und Funktion des literarischen Traums nach der Rezeption der Psychoanalyse verändert haben. Unsere poetische Traumreise flankieren wir mit Betrachtungen und Einsichten aus Philosophie und Psychologie (z. B. Nietzsche, Freud). Eine Textsammlung wird zu Beginn des Seminars zur Verfügung gestellt.

2. Trimester
Wie entsteht Poesie?

Von der Wahrnehmung zur poetischen Verdichtung

Wir haben untersucht, wie Dichter nächtliche und andere Traumgebilde in Poesie verwandeln. Jetzt wollen wir das poetische Potenzial unserer eigenen inneren Bilder und Gesichte heben und entfalten, denn: „Wer verrückt genug war, zur Welt zu kommen, sollte irgendwann begreifen, dass er reif ist für die Entbindung durch Poesie“ (Peter Sloterdijk).
Wir werden uns also in einen kreativen Prozess und damit auf einen besonderen, poetischen Weg zu uns selbst begeben. Mittels angeleiteter Wahrnehmungs-, Imaginations- und Schreibübungen werden wir die verschiedenen Phasen des Schreibprozesses durchlaufen – und am Ende auf eine verdichtete Erfahrung blicken.

3. Trimester

Sprachmagie. Wege zur modernen Lyrik

Wir wissen jetzt, dass das Unbewusste und das Nichtrationale maßgeblich an der poetischen Schöpfung beteiligt sind. Diese Einsicht eröffnet uns als Leser einen neuen Zugang zur modernen, uns oft rätselhaft und unverständlich erscheinenden Lyrik. „Poesie kann sich mitteilen, auch ehe sie verstanden ist“, bemerkte schon der Dichter T.S. Eliot. Auf diese Weise werden wir uns ausgewählten Gedichten und poetologischen Reflexionen moderner Lyrikerinnen und Lyriker nähern – von A. Rimbaud über G. Benn bis zu F. Mayröcker und R. Gernhard – und fragen: Wie rückt die moderne Lyrik der sogenannten Wirklichkeit zu Leibe? Welche inneren und äußeren Formkräfte sind am Werk? Und wie reflektieren die Urheber dieses Wortzaubers und unserer Verstörung ihr poetisches Tun in ihren Dichtungstheorien?