Jahresprogramm 2021/2022: Literatur und Natur


Raum und Zeit, um den Dingen auf den Grund
zu gehen

In unseren Jahresgruppen, bestehend aus drei einzeln buchbaren Trimestern,  profitieren Sie von einem außergewöhnlichen Seminarkonzept, das Ihnen neue Zugänge zur Literatur und Kulturgeschichte vermittelt und dabei auf kreative Weise zu Selbstreflexion und geistigem Austausch inspiriert.

Das können Sie erwarten:

  • Verknüpfung von kultureller Bildung und kreativ-künstlerischer Praxis
  • lebendiges und selbstbestimmtes Lernen mit regem Erfahrungsaustausch in einer geschlossenen Gruppe mit maximal 15 Teilnehmern
  • Vermittlung eines vielseitigen Wissensspektrums durch ein hochqualifiziertes und engagiertes Dozentinnen-Team mit vielfältigen Erfahrungen in eigener wissenschaftlicher, künstlerischer und kreativer Praxis
  • gemeinsame Exkursionen zu interessanten Orten, Ausstellungen, Museen im Zusammenhang mit den jeweiligen Jahresthemen
  • Erprobung und Weiterentwicklung der eigenen Kreativität durch kreatives Schreiben, gemeinsame Buchprojekte, Lesungen, Referate und anderes mehr
  • Wöchentliches Vormittagsprogramm in 3 Trimestern (montags), das die beiden unten stehenden Jahresthemen umfasst
  • 3 mal 9 Seminarvormittage mit insgesamt 108 Unterrichts-
    stunden

Jahresprogramm 2021/2022:
Literatur und Natur

Jahresthema 1
Mensch. Natur. Literatur.
(Christina Rohwetter, M.A.)

„Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Brechts berühmte Verse aus seinem im Exil verfassten Gedicht An die Nachgeborenen wandten sich gegen eine Dichtung, die sich in Zeiten nationalsozialistischer Gewalt in die Naturidylle zurückzieht. Heute, in Zeiten einer von Menschenhand herbeigeführten Naturzerstörung, ist die Situation für ein Gespräch über Bäume eine vollständig andere. Was heißt es also heute, über „Natur“ zu sprechen und zu schreiben? Welchen Begriff und welches Verständnis von Natur haben wir in einem Zeitalter, in dem der Mensch zu einem geologischen Faktor geworden ist, folgt man dem Konzept des Anthropozäns? Wir wollen in drei Trimestern erkunden, mit welchen ästhetischen Mitteln und poetologischen Konzepten die Literatur im 19., 20. und 21. Jahrhundert Natur vergegenwärtigt. Dabei werden wir uns auch einen Überblick über das sich wandelnde Naturverständnis von der Antike bis heute verschaffen.

1. Trimester:
Naturwahrnehmung und Naturbeschreibung: Alexander von Humboldt, Henry David Thoreau und das „Nature Writing“

„Die Natur muss gefühlt werden; wer nur sieht und abstrahiert, kann ein Menschenalter, im Lebensgedränge der glühenden Tropenwelt, Pflanzen und Tiere zergliedern, er wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein“. So schreibt der Forschungsreisende und Wissenschaftler Alexander von Humboldt im Jahr 1810 an Goethe und widerlegt damit das Klischee, ihm sei allein an der Vermessung der Welt gelegen. Er hat die Natur eben nicht nur als zu erforschendes Objekt betrachtet, sondern als eine globale Kraft und ein zusammenhängendes Ganzes, wie die Historikerin Andrea Wulf in ihrer Humboldt-Biographie1 unlängst nachgewiesen hat. Humboldts ganzheitliche Sicht auf die Natur und sein subjektiv-emotionaler Schreibstil inspirierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau zu Texten, die heute als Klassiker des Nature Writing gelten.

Nature Writing ist kein fest umrissenes Genre, sondern vielmehr ein zusammenfassender Begriff für Werke, die eine genaue Erkundung von Natur und Landschaft auf literarisch besonders subtile Weise vergegenwärtigen und dabei auf das erkundende Subjekt sowie auf das Mensch-Natur-Verhältnis reflektieren. Der Sprache kommt dabei eine wahrnehmungsformende und sensibilisierende Funktion zu.

Anhand „klassischer“ und zeitgenössischer Texte, die mit dem Nature Writing in Verbindung gebracht werden, fragen wir, mit welchen literarischen Mitteln diese Erfahrung gestaltet wird und inwiefern diese Form des Über-die-Natur-Schreibens ein buchstäblicher Beitrag zum Naturschutz sein kann.

Texte im 1. Trimester:

Es wird ein Reader bereitgestellt mit klassischen und zeitgenössischen Texten.
Marion Poschmann, Nimbus. Gedichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2020,
ISBN: 978-3-518-42924-2

2. Trimester:
Kunst und Poesie im Anthropozän

Der Atmosphärentechniker und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen (1933-2021) und der Biologe Eugene F. Stoermer führten den Anthropozän-Begriff vor zwanzig Jahren in die umweltwissenschaftliche Debatte ein, um deutlich zu machen, dass der Mensch durch seine Eingriffe in die Erde zu einem geologischen Faktor geworden ist. Die breite Resonanz in den Medien und Wissenschaften verdeutlicht, dass das Anthropozän nicht nur als geologisches, sondern auch als kulturelles Konzept fungiert.

Wir wollen im 2. & 3. Trimester Begriff und Debatte verstehen und nachvollziehen, um uns dann der Rolle der Kunst im Anthropozän zuzuwenden. Wie reagieren die bildenden und darstellenden Künste und die Literatur auf dieses geologische und kulturelle Paradigma der Gegenwart? Welche Verbindungen gehen Kunst und Wissenschaft in literarischen Werken und auf der Theaterbühne ein? Und wie verhält sich eine Lyrik im Anthropozän zur Naturlyrik der Romantik und Klassik und der Umwelt-Lyrik des 20. Jahrhunderts? Wie zum Nature Writing?

Geplant ist außerdem eine Exkursion in den Harz, wo wir eigene Naturtexte schreiben werden.

Texte im 2. Trimester:

Daniel Quinn, Ismael. Roman 1992. Aus dem Amerikanischen von Wolfram Ströle, 7. Auflage 1994, Goldmann-Verlag, 290 Seiten.

Anja Bayer, Daniela Seel (Hgg.), all dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän. Anthologie, Kookbooks Verlag, Berlin 2016, ISBN 9783937445809, Gebunden, 333 Seiten, 22,90 EUR
3. Trimester
Climate Fiction: Klima und Klimawandel in der fiktionalen Literatur des 21. Jahrhunderts

Das Thema des 2. Trimesters (und teilweise auch schon das des 1. Trimesters) steht in enger Verbindung mit dem inhaltlichen Schwerpunkt des 3. Trimesters, ist der Klimawandel doch Dreh- und Angelpunkt der Anthropozän-Debatte. Kunst und Poesie „in geologischer Zeit“ wird uns hier also weiter beschäftigen, wobei wir den Fokus auf die fiktionale Literatur richten und fragen werden, welche Rolle Klima und Klimawandel in Romanen früherer und zeitgenössischer Autor*innen spielen. Dabei werden wir uns kritisch mit dem relativ neuen „Label“ Climate Fiction, kurz: Cli-Fi, anhand eines aktuellen Romans auseinandersetzen. Angaben folgen.

1 Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, aus dem Englischen von Hainer Kober, Penguin-Verlag 2018.


Jahresthema 2
„winter und diu frouwe mîn“: Liebe, Natur und Kultur in der Literatur des Mittelalters
(Dr. Sabine Göttel)

Die Literatur des Hohen Mittelalters (ca. 1150-1250) gilt als erste klassische Periode der deutschen Literaturgeschichte und – neben der Weimarer Klassik – als richtungsweisend für das kulturelle Selbstverständnis der Nation.

Im ersten Trimester widmen wir uns Autoren und Texten des Minnesangs – einer besonderen Ausprägung der Liebeslyrik in mittelhochdeutscher Sprache (ca. 1150-1250). Als höfische Vortragskunst ist der Minnesang vorwiegend auf das gesellschaftliche Leben des Adels bezogen. Er steht im Spannungsfeld von Realität und Fiktionalität, Exklusivität und Öffentlichkeit, Schriftlichkeit und Mündlichkeit, Literatenspiel und gesellschaftlichem Ritual. Aus ihm lassen sich die spezifischen Frauenbilder und Liebeskonzepte einer bahnbrechenden und überaus schöpferischen Epoche extrahieren. Die Natur und die Jahreszeiten sind sein poetischer Rahmen, der immer auch sozialpsychologisch zu deuten ist. Während einer Exkursion zur aktuellen Mittelalter-Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ in Mainz besuchen wir den berühmten Codex Manesse – die umfangreichste und berühmteste deutsche Sammlung mittelalterlicher Autoren und Liedtexte (um 1330).

Im 12. Jahrhundert erwies sich Religiosität als politisch-gesellschaftliche Energie. Die von den Reformorden ausgehende Kulturrrevolution veränderte auch das Verhältnis der Geschlechter nachhaltig; erstmals betraten gelehrte Frauen die Bühne der deutschen Geschichte. Zu den herausragenden weiblichen Persönlichkeiten ihrer Zeit gehört die Autorin, Theologin, Prophetin und Naturkundlerin Hildegard von Bingen. Sie, „die mit ihrem Werk und ihrem Leben viele Grenzen überschreitet, ist (…) wissenschaftliche Avantgarde, kann sich mit den Berühmtheiten ihrer Epoche messen und verkörpert den Aufbruch des 12. Jahrhunderts in eine neue, moderne Zeit.“ (Beuys)

Im zweiten Trimester erfahren Sie, warum wir in Hannover angeblich das „raanste“ Hochdeutsch sprechen, genauer: welche Entwicklungen die deutsche Sprache von ihrem indogermanischen Ursprung über das Gotische und Althochdeutsche bis zum Neuhochdeutsch unserer Tage durchlaufen hat. In diesem Abriss der Sprachgeschichte lernen Sie das Mittelhochdeutsche als eine faszinierende Literatursprache kennen – und sprechen!

Im dritten Trimester beschäftigen wir uns mit der schicksalhaften, religiös-allegorisch aufgeladenen Liebe im Epos Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg (um 1210). Eins der berühmtesten Liebespaare der Literaturgeschichte muss sich Konflikt zwischen höfischer Konvention und gleichberechtigter Partnerschaft behaupten: Passion und Gender im Hohen Mittelalter!

Textgrundlage

Minnesang. Mittelhochdeutsche Liebeslieder. Eine Auswahl, Mhd./Nhd., Neuübersetzung, reclam, 16€
Gottfried von Straßburg: Tristan; Auswahl; reclam, 5,80 €

Hinweise zu Sekundärliteratur erhalten Sie im Seminar.


TERMINE 2021/2022
Kurszeiten:  montags,  jeweils 9.30 – 13.00 Uhr
Ort: Akademie LITEATUR&LEBEN,
Königsworther Str. 23a, 30167 Hannover

1. Trimester
(9 Termine)

12.04.21
19.04.21
26.04.21
03.05.21
10.05.21
17.05.21
31.05.21
07.06.21
14.06.21

2. Trimester
(9 Termine)

16.08.21
23.08.21
30.08.21
06.09.21
13.09.21
20.09.21
27.09.21
04.10.21
11.10.21

3. Trimester
(9 Termine)

15.11.21
22.11.21
29.11.21
06.12.21
13.12.21
20.12.21
10.01.22
17.01.22
24.01.22

Teilnahmebedingungen Jahresprogramm

Mit Ihrer Anmeldung melden Sie sich verbindlich zum gewählten Trimester bzw. zum gesamten Jahresprogramm 2021/2022 an.

Sie erhalten von uns eine Anmeldebestätigung mit den Seminarterminen und die Rechnung über die Teilnahmegebühr.

Die Teilnahmegebühr ist spätestens bis zum 01.04.2021 auf das im Anmeldeformular genannte Konto zu überweisen.

Um das finanzielle Risiko zwischen unseren Teilnehmern und uns in fairer Weise zu regeln, gelten folgende Rücktritts-/ Stornobedingungen:

Eine Stornierung der Anmeldung muss schriftlich erfolgen. Kostenfreier Rücktritt von Ihrer Anmeldung ist bis 10 Tage vor Veranstaltungsbeginn möglich. Bereits überwiesene Teilnahmegebühren werden Ihnen umgehend zurückerstattet. Bei späterem Rücktritt oder bei Ausstieg aus dem laufenden Programm betragen die Stornierungskosten 100% des Jahres- bzw. Trimesterbeitrages.

Jede Person nimmt in eigener Verantwortung an der Jahresgruppe teil, das heißt sie ist für ihre körperliche, seelische und geistige Gesundheit sowohl während der Seminare als auch während der Zeit zwischen den Seminaren selbst verantwortlich. Eine Haftung seitens der Akademie Literatur & Leben für Schäden an Körper, Geist und Seele der Teilnehmer ist ausgeschlossen.

Für Unfälle auf dem Weg zum Seminar und im Seminargebäude wird nicht gehaftet.