Jahresprogramm 2020/2021: Nachtseiten der Literatur


Raum und Zeit, um den Dingen auf den Grund
zu gehen

In unseren Jahresgruppen, bestehend aus drei einzeln buchbaren Trimestern,  profitieren Sie von einem außergewöhnlichen Seminarkonzept, das Ihnen neue Zugänge zur Literatur und Kulturgeschichte vermittelt und dabei auf kreative Weise zu Selbstreflexion und geistigem Austausch inspiriert.

Das können Sie erwarten:

  • Verknüpfung von kultureller Bildung und kreativ-künstlerischer Praxis
  • lebendiges und selbstbestimmtes Lernen mit regem Erfahrungsaustausch in einer geschlossenen Gruppe mit maximal 15 Teilnehmern
  • Vermittlung eines vielseitigen Wissensspektrums durch ein hochqualifiziertes und engagiertes Dozentinnen-Team mit vielfältigen Erfahrungen in eigener wissenschaftlicher, künstlerischer und kreativer Praxis
  • gemeinsame Exkursionen zu interessanten Orten, Ausstellungen, Museen im Zusammenhang mit den jeweiligen Jahresthemen
  • Erprobung und Weiterentwicklung der eigenen Kreativität durch kreatives Schreiben, gemeinsame Buchprojekte, Lesungen, Referate und anderes mehr
  • Wöchentliches Vormittagsprogramm in 3 Trimestern (montags), das die beiden unten stehenden Jahresthemen umfasst
  • 3 mal 9 Seminarvormittage mit insgesamt 108 Unterrichts-
    stunden

Jahresprogramm 2020/2021:
Nachtseiten der Literatur

 

Jahresthema I (Dr. Sabine Göttel)

„So blut‘ ich Funken wie ein Stein!“

Annette von Droste-Hülshoff – Poesie und Poetik zwischen Tradition und Moderne

Annette von Droste-Hülshoff, geboren 1797 bei Münster, gestorben 1848 in Meersburg am Bodensee, gilt als bedeutendste deutschsprachige Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Sie ist die einzige Autorin und eine der wenigen Frauen, deren Porträt jemals einen deutschen Geldschein zierte. Ihre Herkunft bannte sie in das unbefriedigende Dasein eines westfälisch-katholischen Adelsfräuleins, dem sie einen kritischen Geist und ein vielseitiges, authentisches Werk entgegen setzte. Bekannt wurde sie vor allem als Lyrikerin mit ganz eigenem Ton (Der Knabe im Moor, Am Turme); ihre Erzählung Die Judenbuche ist bis heute Schulstoff. Auch als Komponistin leistete Annette von Droste-Hülshoff Erstaunliches. Gedichte, Prosa, Briefe und andere Dokumente zeichnen das Bild einer faszinierenden Autorin und erstaunlich modernen Frau, die zeitlebens auf ihrem Anspruch auf selbstständiges Denken und persönliche Autonomie bestand.

Annette von Droste-Hülshoff war jedoch auch ein Kind ihrer Zeit. Ihre adelige Umgebung nahm literarische Leistungen, gar von einer Frau, nicht ernst und lehnte öffentliches Auftreten grundsätzlich ab. Die eigene Ambivalenz ihrer weiblich-ständischen und ihrer dichterischen Rolle gegenüber prägt fast all ihre Arbeiten. Liberalen und demokratischen Bewegungen stand sie kritisch gegenüber. In keinem ihrer bislang bekannten Briefe wehrte sie sich gegen die Bezeichnung „männliche Dichterin“. Und dass eine Frau ihre Freiheitsbestrebungen im Alltag realisiert, war auch für die Droste unvorstellbar und passte nicht in ihr Weltbild.

Auch die geistigen und literarischen Strömungen der Zeit fanden Niederschlag in ihren Texten. Die Droste interessierte sich lebhaft für das Unheimliche und Unbewusste. Erscheinungen wie Magnetismus, Hellsehen, Doppelgängerei und Traumdeutung, die in die Literatur der Romantik eingingen, verhalfen ihr zu psychologischer Einsicht in die Gespaltenheit des modernen Menschen und stießen sie trotz religiöser Überzeugung auf die Unsicherheit aller Erkenntnis. Es wäre daher völlig verfehlt, die Droste – wie es lange üblich war – als Vertreterin des literarischen Biedermeiers zu bezeichnen. Ihr Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte bleibt singulär.

Vor dem Hintergrund der Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts lesen und interpretieren wir exemplarische Gedichte, Versepen und Prosa von Annette von Droste-Hülshoff. Geplant ist darüber hinaus eine Exkursion zu den Droste-Stätten ins Münsterland (Burg Hülshoff, Rüschhaus).

Textausgaben und Literaturhinweise:

Bodo Plachta/Winfried Woesler (Hg.): Annette von Droste-Hülshoff. Sämtliche Werke in zwei Bänden. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main 1994

Zahlreiche Texte der AvDH online unter https://www.droste-portal.lwl.org/de/

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman, Berlin (Galiani) 2018

Barbara Beuys: Blamieren mag ich mich nicht. Das Leben der Annette von Droste-Hülshoff, München (Hanser) 1999

 

Jahresthema II (Christina Rohwetter)

Das Rätsel des Lebens.

Von Menschen, Monstern und Maschinen in der Literatur
des 19. und
21. Jahrhunderts

Seit der Antike tauchen Monster und Ungeheuer zahlreich und in wechselnden Gestalten in der Literaturgeschichte auf.
Als literarische Figuren verändern sie mit der Zeit nicht nur ihre
äußerliche Erscheinung, sondern auch ihr inneres Wesen und reflektieren damit die sich wandelnden Konzepte vom Menschen.
Wir werden in diesem Jahresprogramm verschiedene literarische Konfigurationen des Monströsen aus unterschiedlichen Epochen kennenlernen. Sie konfrontieren uns mit existenziellen,  zeitlosen Fragen: Was ist der Mensch, was macht ihn aus? Was ist das Lebendige? Worin unterscheidet sich menschliche von künstlicher Intelligenz? Was darf der Mensch? Und was macht uns Menschen zu Monstern?…

Frankenstein und Künstliche Intelligenz

Ausgangspunkt unserer literarischen Recherche über die bis heute ungelösten Rätsel des Lebens und des Menschseins ist der Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus der britischen Schriftstellerin Mary Shelley aus dem Jahr 1818.  Mit ihm schuf die gerade mal 18jährige Autorin, Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollestonecraft und des Sozialphilosophen William Godwin, den Prototypen des von einem Menschen erschaffenen Menschen.
Seit der berühmten Verfilmung des Stoffes aus dem Jahr 1931 mit Boris Karloff in der Rolle des Ungeheuers wird mit dem Begriff Frankenstein  fälschlicherweise das Monster selbst assoziiert und nicht sein Schöpfer, der junge Schweizer Student Viktor Frankenstein.   Mit der Lektüre des Romans von Mary Shelley werden wir noch viele weitere Mythen rund um Frankenstein aufklären und vor allem eine ganz andere, viel interessantere Geschichte entdecken, als uns der Klassiker des Horrorfilms erzählt…

Fiktion und Wissenschaft

Beinahe so spannend wie der Text selbst ist die Legende seiner Entstehung: Im Juni 1816, dem Jahr, das aufgrund eines verheerenden Vulkanausbruches in Indonesien auch in Europa ohne Sommer blieb, hatten sich die junge Mary Goodwin, ihre Stiefschwester,  ihr späterer Mann, der Dichter Percy Shelley sowie Lord Byron und dessen Arzt John Polidori in der Villa Diodati am Genfer See eingefunden. An düsteren Abenden erzählte man sich Gespenstergeschichten und diskutierte verschiedene philosophische Theorien über Wesen und Ursprung des Lebens, über Darwins Experimente und den Galvanismus. Angeregt durch diese Gespräche und ihre erstaunlichen Kenntnisse auf dem Gebiet der Alchemie, des deutschen Schauerromans und der modernen Naturwissenschaften erfand Mary in einer schlaflosen Nacht die Geschichte des Schweizer Studenten Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt aus Leichenteilen einen Menschen zusammenmontiert und ihn zum Leben erweckt.

Und wer ist hier eigentlich das Monster?

„Ich sah – zwar mit geschlossenen Augen, aber klar vor meinem geistigen Blick -, ich sah den blassen Adepten heilloser Künste neben dem Wesen knien, das er zusammengesetzt hatte“, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort zur Ausgabe von 1831. „Ich sah das abscheuliche Phantom eines Mannes ausgestreckt daliegen und plötzlich mithilfe einer gewaltigen Maschine Lebenszeichen von sich geben und sich mit einer noch schwerfälligen und ungelenken Bewegung rühren. Erschreckend musste es sein; denn die Wirkung jedes menschlichen Versuchs, die unnachahmliche Maschinerie des Weltschöpfers kindisch nachzuahmen, musste außerordentlich erschreckend sein. Vor seinem Erfolg würde der Künstler erschaudern; von Grauen gepackt, würde er sich von dem abscheulichen Werk seiner Hände abwenden.“

Mit dieser Abwendung des Schöpfers von seinem Geschöpf beginnt vielleicht erst die Verwandlung ins Monströse – des einen wie des anderen. Wir werden diesen beeindruckenden Roman formal und inhaltlich analysieren (am liebsten in seiner Urfassung – siehe 2. Textausgabe weiter unten), uns ausführlich mit seinem geschichtlichen und wissenschaftshistorischen Kontext befassen und natürlich mit der ungewöhnlichen Biographie einer ungewöhnlichen Frau im 19. Jahrhundert, die 1797, übrigens im selben Jahr wie die Droste, in Londen geboren und  dort 1851 gestorben ist.

Moderne Frankenstein-Versionen in der
Literatur des 21. Jahrhunderts

Im 2. und 3. Trimester lesen wir zeitgenössische Adaptionen oder Anverwandlungen des Monströsen und des Frankenstein-Motivs in Werken von Gegenwartsautor*innen: zunächst den aktuellen Roman der englischen Schriftstellerin Jeanette Winterson „FranKissStein. Eine Liebesgeschichte“, in dem der junge Arzt Ry Shelley auf den Experten für künstliche Intelligenz Viktor Stein trifft. Auf raffinierte und spannende Weise werden hier die Ereignisse rund um die Erschaffung von Frankensteins Monster mit unserer Gegenwart verwebt. Ein weiterer zeitgenössischer Text zum Thema wird im Laufe der ersten beiden Trimester ermittelt.

Textausgaben:

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Pechmann. Patmos Verlag Artemis & Winkler: Düsseldorf 2006.

Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula und Christian Grawe. Reclam 2018.
Diese Ausgabe basiert auf der von Mary Shelley veränderten und autorisierten Edition von 1831, die, anders als die Urfassung, dem viktorianischen Zeitgeist angepasst ist.

Jeanette Winterson: FranKissStein. Eine Liebesgeschichte. Roman. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger und Brigitte Walitzek. Kein & Aber: Zürich, Berlin 2019

 

TERMINE 2020/2021
Kurszeiten:  montags,  jeweils 9.30 – 13.00 Uhr
Ort: Akademie LITEATUR&LEBEN,
Königsworther Str. 23a, 30167 Hannover

1. Trimester
(10 Termine)

20.04. SG + CR
27.04. CR
04.05. SG
11.05. CR
18.05. SG
25.05. CR
08.06. SG
15.06. CR
22.06. SG
29.06.CR
Sommerferien
(06.07. bis 09.08.)

2. Trimester
(8 Termine)

10.08. SG
17.08. CR
24.08. SG
31.08. CR
07.09. SG
14.09. CR
21.09. SG
28.09. CR
Herbstferien
(05.10. bis 25.10.)

3. Trimester
(9 Termine)

26.10. CR+SG
02.11. SG
09.11. SG
16.11. CR
23.11. SG
30.11. CR
07.12. SG
14.12. CR
Weihnachtsferien
(15.12. bis 10.01.)
11.01. SG & CR
Abschluss

Teilnahmebedingungen Jahresprogramm

Mit Ihrer Anmeldung melden Sie sich verbindlich zum gewählten Trimester bzw. zum gesamten Jahresprogramm 2020/2021 an.

Sie erhalten von uns eine Anmeldebestätigung mit den Seminarterminen und die Rechnung über die Teilnahmegebühr.

Die Teilnahmegebühr ist spätestens bis zum 13.04.2020 auf das im Anmeldeformular genannte Konto zu überweisen.

Um das finanzielle Risiko zwischen unseren Teilnehmern und uns in fairer Weise zu regeln, gelten folgende Rücktritts-/ Stornobedingungen:

Eine Stornierung der Anmeldung muss schriftlich erfolgen. Kostenfreier Rücktritt von Ihrer Anmeldung ist bis 10 Tage vor Veranstaltungsbeginn möglich. Bereits überwiesene Teilnahmegebühren werden Ihnen umgehend zurückerstattet. Bei späterem Rücktritt oder bei Ausstieg aus dem laufenden Programm betragen die Stornierungskosten 100% des Jahres- bzw. Trimesterbeitrages.

Jede Person nimmt in eigener Verantwortung an der Jahresgruppe teil, das heißt sie ist für ihre körperliche, seelische und geistige Gesundheit sowohl während der Seminare als auch während der Zeit zwischen den Seminaren selbst verantwortlich. Eine Haftung seitens der Akademie Literatur & Leben für Schäden an Körper, Geist und Seele der Teilnehmer ist ausgeschlossen.

Für Unfälle auf dem Weg zum Seminar und im Seminargebäude wird nicht gehaftet.